Eine entspannte Pferdeherde: so sieht artgerechte Pferdehaltung aus

Artgerechte Pferdehaltung oder der Traum vom perfekten Stall

Wie sieht der perfekte Stall für mein Pferd aus? Diese Frage stelle ich mir schon lange. Ich weiß, dass mir für mein Pferd viel Platz, viele Kumpels und regelmäßige Fütterungen bzw. kurze Fresspausen wichtig sind. Denn dies sind die Grundbedürfnisse eines Pferdes und damit die Grundlagen für artgerechte Pferdehaltung.

Doch mittlerweile weiß ich, dass jeder Pferdebesitzer andere Anforderungen an den perfekten Stall hat. So stehen bei den einen nicht der Platz, regelmäßiges Raufutter und die Nähe zu anderen Pferden im Fokus, sondern vielmehr Dinge wie eine Reithalle oder ein beleuchteter Reitplatz. Hier liegen die Prioritäten dann weniger auf den Grundbedürfnissen des Pferdes, als vielmehr auf denen des Reiters.

Irgendwie kann ich das aus Reitersicht auch ein wenig verstehen. Wenn man nämlich im Herbst und Winter den Reitplatz nicht nutzen kann, weil Licht fehlt oder es permanent regnet, sehnt man sich wirklich nach einer Halle. Aber was bringt mir die Halle, wenn mein Pferd nicht artgerecht gehalten wird und deswegen ständig krank ist?

Artgerechte Pferdehaltung – was heißt das eigentlich?

Die Pferdehaltung entwickelt sich immer weiter. War vor vielen Jahren die Ständerhaltung, bei der die Pferde angebunden wurden, gang und gäbe, ist diese Form der Haltung in vielen Bundesländern mittlerweile verboten, weil sie tierschutzwidrig ist.

In § 2 des deutschen Tierschutzgesetztes, das den Rahmen für die tierschutzgerechte Tierhaltung vorgibt, steht:

Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,
1. muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,
2. darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,
3. muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.

Doch was bedeutet das nun ganz konkret für unsere Pferde und wie können wir daraus eine artgerechte Pferdehaltung ableiten?

Schauen wir uns doch die einzelnen Punkte mal genauer an.

Pferde angemessen ernähren

Pferde waren einst Steppentiere und bis heute ist ihr Magen darauf eingestellt, über viele Stunden hinweg kleine Mengen strukturreiches und gleichzeitig energiearmes Futter aufzunehmen. Pferde in freier Wildbahn verbringen rund 16-18 Stunden des Tages mit Fressen. In vielen Ställen bekommen sie aber maximal zwei- bis dreimal am Tag eine große Portion Raufutter. Doch nach wie vor ist der Magen eines Pferdes dafür nicht gemacht. Zum einen ist er relativ klein und ihm fehlen Dehnungsrezeptoren. Deswegen setzt das Sättigungsgefühl bei Pferden nicht ein, wenn der Magen voll ist, sondern es wird über das Kauen und eine Ermüdung der Kaumuskulatur geregelt. Zum anderen produziert der Magen pausenlos Magensäure, die, wenn kein Futternachschub kommt, den Magen übersäuert und die Magenschleimhaut angreift. So entstehen unter anderem Koliken und Magengeschwüre. In meinem Beitrag zum Thema Fresspausen gehe ich ausführlich auf diese Problematik ein, die meiner Meinung nach in vielen Ställen viel zu wenig beachtet wird.

Pflege

Den Pflegeaspekt sollte man meiner Meinung nach zweifach betrachten: einmal in Bezug auf die Körperpflege der Pferde und einmal in Bezug auf die Pflege des Stalls.

Pferde sind absolut soziale Wesen und die Körperpflege spielt bei ihnen eine wahnsinnig wichtige Rolle. Denn durch gegenseitiges Mähnekraulen entstehen Freundschaften. Wir Menschen können dabei niemals den Pferdefreund ersetzen – auch dann nicht, wenn unsere Pferde uns beim Putzen an ihren Lieblingsstellen am liebsten zurückkraulen würden. (Bei meinem Pony ist diese Stelle die Brust und wenn ich ihn dort putze, würde er mir am liebsten an meinen Haaren knabbern. 🙂 )

Neben dem sozialen Aspekt braucht ein Pferd aber auch aus körperlicher Sicht genügend Pflegemöglichkeiten. Und auch wenn es für uns Menschen ein Widerspruch sein mag – schließlich mögen wir es doch ordentlich und sauber – gehört für unsere Vierbeiner das Wälzen im Sand oder Matsch zur Körperflege dazu. So vertreiben sie nervige Parasiten – beispielsweise Mücken – und können ihr loses, juckendes Fell loswerden – besonders wichtig im Fellwechsel.

Steht ein Pferd lediglich in der Box, fehlen im diese beiden Möglichkeiten. Im Stall wird es vermutlich weniger Mücken geben als draußen, dennoch wird auch ein Boxenpferd von Juckreiz geplagt, den ein Boxenboden mit Stroh oder Späne niemals so gut lindern kann, wie beispielsweise ein sandiger Paddockboden.

Auch die Pflege des Stalls ist ein sehr wichtiger Punkt. Pferde in einem kleinen Stall haben keine Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wo sie ihren Kot ablegen wollen. Und weil dieser nicht sofort entfernt wird, schläft das Pferd auf seinen Äppeln und steht auf Stroh, das vollgesogen ist mit Urin. Hier muss großer Wert auf regelmäßiges Misten gelegt werden, schließlich äppelt ein Pferd im Schnitt acht bis 12 Mal pro Tag.

Doch auch bei Pferden im Offenstall und auf der Weide ist eine gute Hygiene Pflicht, um beispielsweise den Wurmdruck so gering wie möglich zu halten. Bei uns werden deswegen der Paddock und die Wiese täglich abgesammelt. Außerdem sorgen wir dafür, dass die Tauben den Offenstall nicht für sich einnehmen und überall ihren Kot hinterlassen.

Verhaltensgerechte Unterbringung

Die verhaltensgerechte Unterbringung von Pferden beinhaltet neben den bereits aufgeführten Punkten auch diese beiden Aspekte: ausreichend Platz und Kontakt zu Artgenossen.

Pferde sind Lauftiere. In freier Wildbahn würden sie am Tag auf der Suche nach Futter, Wasser und geeigneten Schlaplätzen mehrere Kilometer zurücklegen. Darauf sind ihre ganzen Körperfunktionen ausgelegt und das gilt bis heute: So sind der gesamte Organismus, der Kreislauf, die Verdauung und die Atmung auf ausreichend Bewegung angewiesen. Gleiches gilt für die Muskeln, Sehnen, Bänder und sogar für die Hufe. In ihrem Buch Pferdehaltung artgerecht und gesund, dass ich dir wirklich sehr empfehlen kann (hier findest du meine Rezension), zitiert die Autorin Ulrike Amler eine Schadenursachenstatistik für Pferde, die im R+V Geschäftsbericht 2011, Mitgliederversicherung der Vereinigten Tierversicherung Gesellschaft a.G. veröffentlicht wurde und den du hier nachlesen kannst. Dort zeigen Zahlen, dass Erkrankungen der Bewegungsorgane mit Abstand (48,9%) zu den meisten Krankheitsursachen gehören – gefolgt von den Verdauungsorganen (21,4%). Diese Zahlen finde ich absolut erschreckend und sie zeigen, dass in der Pferdehaltung so einiges schief läuft. Natürlich kannst du nun argumentieren, dass zu den Erkrankungen der Bewegungsorgane auch Verletzungen gehören, die auf der Weide oder auf dem Paddock passiert sind. Da gebe ich dir Recht, sowas kann immer passieren. Genauso kann es auch sein, dass ein Pferd beim Ausreiten in ein tiefes Loch tritt und sich verletzt. Aber ich kann dir auch sagen, dass ich mich an kein Offenstall-Pferd erinnern kann, dass sich auf der Weide oder auf dem Paddock eine gefährliche Verletzung des Bewegungsapparates zugezogen hat. Und da ich mit Offenstallpferden aufgewachsen bin, sind es viele Offenstallpferde, die ich im Laufe meines Lebens kennengelernt habe. Aber klar, passieren kann immer was.

Zur verhaltensgerechten Unterbringung gehört außerdem der Kontakt zu Artgenossen. Pferde leben von Natur aus in Gruppen und dies ist für das Fluchttier Pferd wichtig, um überlebensfähig zu sein. Und wenn ich mir unsere Herde anschaue, wie sie zusammen ruht, frisst und wie sie zusammen spielt, dann kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie ein Pferd ohne eine (kleine) Herde glücklich sein kann.

Zwei Pferde spielen miteinander
Zwei Pferde spielen miteinander

Betrachtet man die Schadensstatistik und denkt an den Punkt „Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden“, dann ist eigentlich schnell klar, dass eine dauerhafte Boxenhaltung nicht wirklich tierschutzgerecht sein kann. Und auch der Punkt, dass derjenige, der ein Tier hält oder betreut, über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen muss, erscheint in einem anderen Licht. Denn wenn ich über all diese Punkte ausreichend informiert bin, kann und darf ich mein Pferd eigentlich nicht in einer Box halten oder in einen Stall stellen, in dem nur zweimal am Tag Heu gefüttert wird.

Natürlich umfasst artgerechte Pferdehaltung noch viel mehr, als nur die oben aufgeführten Punkte. Aber es sind dennoch die Grundlagen, die sich aus dem Wesen und der Physiognomie des Lebewesens Pferd ergeben und nicht ignoriert werden sollten.

Leider gibt das Tierschutzgesetz nur eine grobe Orientierungshilfe. Dennoch lässt sich in der Rechtsprechung eine positive Veränderung zugunsten der Pferde erkennen. Und ich habe den Eindruck, dass sich doch immer mehr Reiter mit dem Thema artgerechte Pferdehaltung auseinandersetzen und umdenken.

Natürlich möchte auch ich gerne einen beleuchteten Reitplatz haben und vom Luxus einer Reithalle träume ich ebenfalls. Doch für mich steht immer das Wohl meines Pferdes an erster Stelle. Mein persönlicher Traum vom Pferdestall sieht übrigens ganz ähnlich aus wie Jenny es auf dem Birkenhof Wölling realisiert hat. In ihrem Gastbeitrag Paddockgestaltung mal anders erzählt sie, wie du deinen Paddock noch attraktiver und artgerechter gestalten kannst.

Wie stehst du zum Thema Pferdehaltung? Wie sieht für dich der perfekte Pferdestall aus und welche Anforderungen stellst du? Denkst du, dass sich artgerechte Pferdehaltung und der Traum vom perfekten Stall verbinden lassen? Erzähl es mir doch gerne in einem Kommentar.

Übrigens: Falls du etwas mehr zu dem Thema erfahren möchtest, empfehle ich dir zwei Bücher:

Pferdehaltung – artgerecht und gesund: Der richtige Stall für mein Pferd* und

Artgerechte Haltung von Pferden: Sachverständige Empfehlungen zur Pferdehaltung aus Sicht des Tierschutzes*

Alles Gute,

 

 

Teilen

2 thoughts on “Artgerechte Pferdehaltung oder der Traum vom perfekten Stall”

  1. Liebe Karo,
    Ich möchte dir ein Kompliment für deinen Blog machen. Ich finde ihn sehr informativ. Er enthält zwar die Grundinformationen aber auch spezielle Themen die sonst eher nicht erwähnt werden. Du gehst auf die Themen ein und beschreibst so, dass es auch für die die das Thema nicht kennen verständlich wird. Vielen Dank. 😉

    Was du in deinem Artikel erwähnt hast, ist doch sehr wichtig. Ich finde es immer schade wenn ich an einem Stall vorbeifahre der keine Aussenboxen hat oder wenn ich sehe in welch kleinen Boxen die Pferde stehen. Viele haben nur gerade so grosse Boxen wie sie unbedingt brauchen. Auch das Problem mit dem Fressen sehe ich. Meine Reitlehrerin (über die ich überglücklich bin) lässt ihre Pferde den ganzen Tag fressen. Sie hat mehrere Plätze damit die Pferde nicht aus Platzmangel nichts essen. Die Pferde leben in einem Offenstall und es scheint ihnen gut zu gehen. Ich kann ja verstehen das Schulpferde nicht in Offenställen gehalten werden können. Es wäre gefährlich wenn irgendein Reitschüler beim Pferde heraus holen die Abzäunung nicht schliesst und die Pferde dann ausbrechen, aber ich finde eine Padockbox wäre schon möglich und auch das ständige Essen kann ermöglicht werden.
    Mein Traumstall: Ich persöhnlich Hätte gerne einen grossen Offenstall in dem die Pferde zusammmen stehen können. Dort wäre auch das mit dem Fressen kein Problem im Stall soll eine Grosse Futterkrippe und ein Behälter mit Wasser stehen. Der Offenstall soll an eine Koppel grenzen, die soll abgegrenzt sein damit die Pferde nicht zu viel Gras essen, weil ich gelesen habe zu viel Gras sei auch nicht gesund. Aber ich würde auch gerne im Job etwas mit Pferden zu tun haben und ich würde ungern fremde Pferde zu meinen eigenen stellen wollen. Das ist einfach nicht verantwortbar wenn die herde sich dauert ändert. In dem Fall hätte ich gerne grosse Boxen mit einem angrenzenden Padock mit Sand. Die Pferde sollte aber die Chance haben regelmässig auf die Koppel zu gehen. Ich hätte gerne mehrere Koppeln damit auch die fremden Pferde genügen Auslauf bekommen. Wie fast jeder wünsche ich mir auch eine Reithalle. Am besten jedoch fände ich einen überdachten Reitplatz. Denn vorallem im Sommer (wenn man in der Halle arbeiten will) ist es in der Reithalle heiss und stickig. Für die Pferde ist das auch nicht angenehm.

    So viel zu mein Traum vom perfekten Stall.
    Liebe Grüsse Rebecca

  2. Liebe Karo, du sprichst mir mit deinem Beitrag wieder einmal aus dem Herzen. Die Grundbedürfnisse sollten das Mindeste sein, was wir unseren vierbeinigen Freunden erfüllen sollten – und das lässt sich mit reiner Boxenhaft selbst in einem aus Reitersicht top ausgestatteten Stall nicht realisieren, denn Reithalle, Führanlage und Co sind nichts, was die Tiere brauchen zum Glücklichsein. Aber auch bei Offenställen, Trails und Aktivstallanlagen heißt es Augen auf: Wie groß ist die Pferdeanzahl, ist genügend Fläche geboten, ausreichend Fressplätze, das passende Futterangebot etc… Man sollte bei der Besichtigung versuchen, alles aus Pferdesicht zu betrachten. Passt alles, ist ein Perspektivwechsel wichtig, um auch die eigenen Wünsche mit den Gegebenheiten vor Ort abzugleichen. Wir dürfen nicht vergessen: während wir täglich vielleicht 1-3 Stunden Zeit im Stall verbringen, muss unser Liebling 24/7 zurecht kommen und dort leben!

    Man kann auf die Details nicht oft genug hinweisen. Danke für den Beitrag!!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.