Aus den Gesichtern der Pferde lesen – Kommunikation beginnt mit dem Zuhören!

Wie kann ich aus dem Gesicht meines Pferdes ablesen, wie es ihm geht und es mir vielleicht sagen will? Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Deswegen freue ich mich sehr über den Gastbeitrag von Stine Küster zum Thema „Aus den Gesichtern der Pferde lesen – Kommunikation beginnt mit dem Zuhören!“. Stine ist Clickertrainerin mit Schwerpunkt auf Alltag, Bodenarbeit und Reiten.


„Die natürliche Sprache der Pferde lernen und sie anwenden, um so ganz natürlich, in Freiheit mit ihnen zu kommunizieren.“ Wie oft liest man dieses oder ähnliches im Internet. Und so oft würde man sich wünschen, selber eine so schöne Kommunikation führen zu können. Dabei vergessen wir häufig, dass Kommunikation zwei Seiten hat und wir viel zu oft in Pferdesprache flüstern, dem Pferd aber gar nicht zuhören. Und wir können noch so gut flüstern, wenn wir die Antwort nicht „hören“ können. Was möchte mir mein Pferd sagen? Wie kann ich aus dem Gesicht meines Pferdes lesen?

Unsere Kommunikation ist sehr stark auditiv geprägt. Wir reden lautstark, telefonieren und kommunizieren zu ca. 80 Prozent über unsere Sprache. Unsere Augen hingegen sind wenig bis gar nicht visuell geschult. Pferde hingegen kommunizieren auf so viel subtilere Art und Weise, als wir es in unserem menschlichen Miteinander gewöhnt sind. Der Schwerpunkt ihrer Kommunikation liegt auf winzig feinen körperlichen Veränderungen. Sie bekommen sofort mit, wenn wir beim Reiten mal wieder vergessen zu atmen und spiegeln dies in einem starr wirkenden Bewegungsablauf wieder. Schon kleinste Veränderungen im Muskeltonus können die Gesamtsituation in einen völlig anderen Kontext setzen. Sie sind wahre Meister im Erkennen von Mustern. Erschwerend für uns kommt hinzu, dass es in der Natur selten Reinformen der Emotionen gibt. Neugierde ist häufig auch mit etwas Unsicherheit gekoppelt und Aggression hat häufig eine Ursache in Angst. Und all diese Emotionen können innerhalb von Sekunden wechseln und die Situation wieder in einen neuen Kontext setzen. Und dennoch müssen wir, wenn wir mit unseren Pferden auf gleicher Ebene kommunizieren möchten, lernen ihnen zuzuhören. Wir müssen unser Auge schulen.

Das eigene Auge schulen

Um unser Auge gerade am Anfang zu schulen, eignen sich besonders gut Bilder. Bilder halten eine Momentaufnahme fest, die im nächsten Moment vielleicht schon wieder ganz anders aussieht. Aber sie helfen ungemein unser Auge für das wesentliche zu schulen. Zunächst einmal ist es wichtig sich bewusst zu machen, dass jedes Pferd individuell ist, genau wie wir Menschen auch. Sie unterscheiden sich in Alter, Rasse und Charakter. Während einige Rassen wesentlich offensichtlicher kommunizieren als andere Rassen, gibt es natürlich auch innerhalb der verschiedenen Rassen die größten Unterschiede. Erschwerend kommt hinzu, dass wir dazu neigen Situationen zu beschönigen oder gar unsere eigenen Emotionen auf das Pferd wiederspiegeln. Wenn wir Spaß haben, hat unser Pferd gewiss auch Spaß oder wenn eine Situation für uns harmonisch wirkt, bedeutet das nicht, dass das Pferd dieses auch so empfindet. Und auch im Internet werden ständig Bilder von gestressten Pferden als „konzentriert“ oder „freudig“ publiziert, sodass ein gestresstes Pferd in unserer Wahrnehmung schon ganz normal erscheint. Und trotzt all dieser Unterschiede kann man alles auf einen groben gemeinsamen Nenner bringen.

Um die Mimik der Pferde möglichst neutral zu beurteilen haben Wissenschaftler das Equine Fascial Action Coding System (FACS) entwickelt, welches dem Menschen ermöglichen soll, die Mimik des Pferdes in einzelnen Teilen zu scannen und dann die einzelnen gescannten Regionen zu einem Gesamtbild zusammen zu setzen. Grundsätzlich betrachtet man dazu die einzelnen Regionen im Gesicht des Pferdes: die Ohren, die Augen, die Nüstern, das Maul, Muskulatur und Adern. Man beobachtet das Pferd in Ruhe, beobachtet, wie sich einzelne Regionen verändern. Welche Bewegung gibt es in den unterschiedlichen Regionen? In welchem Zusammenhang stehen die einzelnen Regionen? Wie schaut mein Pferd wirklich, wenn es „normal, entspannt“ ist? Wie sieht es aus, wenn es Schmerzen hat? Was verändert sich. Generell kann man sagen:

Alles, was zunächst einmal vom „Normalzustand“ abweicht und nicht zur entsprechenden Situation passt, ist auffällig!

Um auf alle verschiedenen Möglichkeiten der Abweichung einzugehen könnte man Bücher schreiben. Deshalb möchte ich nur auf ein paar Teilaspekte eingehen, die bei jedem Pferd einzeln oder sogar alle auftreten, die sich unwohl fühlen, Schmerzen haben oder gestresst sind und auf die man ein besonderes Augenmerk haben sollte.

Exkurs: Stress

Stress ist zunächst einmal biologisch gesehen jede Form von Anspannung. Es setzt einen Cocktail von Hormonen frei, die jegliche Kraftreserven mobilisieren und im Gehirn Mechanismen freischalten die dem Pferd körperlich auf Flucht- oder auch Kampfreaktionen vorbereiten sollen, um im Ernstfall klare Prioritäten und Handlungen hervorrufen, ohne vorher lange überlegen zu müssen. Diese Reaktionsmuster, haben sich über Jahrtausende bewährt und sind somit vom Verstand nicht steuerbar und wenig variabel. Das bedeutet, dass wenn unsere Pferde gestresst sind, ein aktives lernen, was über den Verstand gefördert wird, nicht mehr möglich ist, da es nur noch instinktiv reagiert. Um erfolgreich zu trainieren ist es also unheimlich wichtig, Stressanzeichen schnell zu erkennen, um so schnell gegenwirken zu können.

Die Ohrenregion des Pferdes

Am Anfang am einfachsten und am schnellsten zu erkennen sind die Ohren. Und man kann erstaunt sein, wie vielfältig Ohrenstellungen sein können. Das Ohr ist ein wahres Stimmungsbarometer des Pferdes. Die Ohren können aufgerichtet nach vorne zeigen, seitlich nach unten oder komplett im Hals verschwunden sein. Die Form kann weich und oval-rundlich oder richtig spitz wirken. Der Abstand zwischen den Ohren kann groß sein, aber sie können auch ganz eng zusammen stehen. Auch das Ohrenspiel ist in diesem Zusammenhang nennenswert.


Natürlich kann man nicht nur an der Ohrenstellung die Stimmung des Pferdes beurteilen. Man muss diese Ohrenstellung anschließend immer in Zusammenhang mit den restlichen Regionen setzen. Trotzdem sind erhöhte Anspannung in den Ohren, wie bei den stark aufgerichteten Ohren, die vermutlich eher für Stress und Aufregung stehen, den seitlich abstehenden Ohren, die häufig für Unsicherheit stehen, oder den angelegten Ohren, die für Unwohlsein und ggf. sogar für Aggression stehen, ein Anzeichen dafür, genauer hinzuschauen!

Die Nüstern und Maulregion

Diese Region ist eine recht vielfältige Region, die sehr, sehr viele unterschiedliche Bewegungen und Anspannung haben kann. Um die Nüsternöffnung herum befindet sich ein Knorpelring, an den viele Muskelansätze gehen. Je mehr Muskeln angespannt sind, desto deutlicher ist dieser Ring zu erkennen. Die Nüstern Region kann also geweitet, aufgerissen oder hochgezogen sein. Die Kaumuskulatur kann fest sein, der Unterkiefer an den Oberkiefer gepresst. Auch hier gibt es Bewegungen, die besonders auffällig sind, bei denen man genauer hinschauen sollte:

 

Auch hier gilt wieder: Es ist wichtig die einzelne Region getrennt von den anderen zu sehen, denn so fällt besser auf, was man sehen kann, um dies anschließend in den Zusammenhang mit den anderen Regionen zu setzen. Eine vorgeschobene Unterlippe in Verbindung mit hochgezogenen Nüstern und fester Kaumuskulatur steht für Stress und Abwehr, während die gleiche vorgeschobene Oberlippe mit entspannten Nüstern und Kaumuskeln für Genuss und Freude steht!

Die Augen des Pferdes

Die Augenregion ist eine Region, die besonders schwierig zu beurteilen ist, denn je nach Rasse sind Schwellungen oder hochgezogene Augenbrauen mitunter normal. Und trotzdem ist sie eine so wichtige und entscheidende Region, die sehr viel aussagt. Ist das Auge klar und glänzend? Oder wirkt es trüb und leer. Entstehen Schwellungen oder Falten um das Auge? Vielleicht sogar eine Sorgenfalte, die ein ganz besonders wichtiges Zeichen für Stress oder gar Schmerz ist?

Aus den Gesichtern der Pferde lesen: das Gesamtbild

Anschließend werden die Regionen zu einem Gesamtbild zusammengefügt. Dabei ist entscheidend, wie stark ein Merkmal ausgeprägt ist und wie lange ein Merkmal gezeigt wird. Kniffelig ist es dann herauszufinden, auf was genau diese Mimik bezogen ist: Hat das Pferd Schmerzen oder ist es gestresst? Und wenn ja, warum? Zeigt es noch andere Zeichen wie Wehrigkeit, Schweifschlagen, zackige, stumpfe Bewegungen oder wirkt das Gesamtbild harmonisch und weich? Inwieweit passt der Ausdruck zur Gesamtsituation? Und was passt nicht?

Ich wünsche dir jedenfalls erstmal ganz viel Freude beim Beobachten und Zuhören deines eigenen Pferdes in den unterschiedlichsten Situationen. Versuch so neutral wie möglich zu bleiben, schau dir auch gerne öffentliche Auftritte an und scanne zunächst einmal ganz neutral die Situation. Nur so ist es dir möglich, die Situation so neutral wie möglich zu beurteilen. Aus Sicht der Pferde. Für die Pferde! Viel Spaß dabei!

Deine Stine

Möchtest du mehr über Stine und ihre Arbeit erfahren? Dann schau doch mal auf ihrer Webseite vorbei. Im nördlichen Hamburg sowie in Norderstedt und Pinneberg kannst du Stine auch als Trainerin im Unterricht sowie bei Workshops und Kursen persönlich kennenlernen. Außerdem kann ich dir ihre Facebookgruppe Gestik & Mimik unserer Pferde empfehlen, in der du dein Auge anhand von Bildern sehr gut schulen kannst.

Text und Bilder © Stine Küster

Teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.