Übergänge reiten nur mit Hilfe von Energie

Mit Losgelassenheit und Takt zu einem guten Schritt

Die Bedeutung des Schritts im Rahmen des Pferdetrainings wird von vielen Reitern unterschätzt. Schritt reiten sei einfach, sagen viele. Aber ist das wirklich so? Nicht ohne Grund gilt der Schritt als störanfälligste Gangart. Der Schritt kann so vieles, denn ohne ordentlichen Schritt werden auch die schnelleren Gangarten wie Tölt und Galopp niemals die Qualität erreichen, die sie eigentlich haben könnten.

Häufig wird der Schritt nur für die Aufwärmphase einer Trainingseinheit genutzt, ohne dass ihm viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Doch der Schritt ist die Grundlage für alles und er spielt eine wichtige Rolle in Bezug auf die körperliche und die psychische Entwicklung eines Pferdes. Nicht zuletzt lässt sich durch einen guten Schritt auch ein guter Tölt erarbeiten. Im Grunde gilt der Schritt sogar als eine der schwierigsten Gangarten, weil sie die störanfälligste ist. Die Qualität des Schrittes zeigt, in welchem körperlichen und seelischen Zustand sich ein Pferd befindet. Ist es losgelöst und entspannt und geht in entspannter Dehnungshaltung oder hält es sich im Rücken fest, ist angespannt und zackelig?

Der Schritt ist die natürlichste Grundgangart des Pferdes. In der freien Natur sowie im täglichen Leben im Offenstall bewegt sich das Pferd überwiegend im Schritt vorwärts. Die schnelleren Gangarten Trab, Tölt, Galopp oder auch Pass, die mit einem höheren Energieverbrauch verbunden sind, nutzt das Pferd für Situationen, in denen es fliehen muss sowie beim Spielen mit Artgenossen.

Schritt: gleichmäßiger Viertakt

Der Schritt ist genau wie der Tölt ein Viertakt, der gleichmäßig zu hören sein sollte: 1-2-3-4.

Beim Schritt gibt es acht Phasen und immer ist ein Huf in der Luft, während die anderen drei am Boden sind – abgesehen von einem kurzen Moment, in dem das Pferd das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagert. Die Fußfolge sieht dabei wie folgt aus: Ein Hinterbein beginnt, dann kommt das gleichseitige Vorderbein, ehe sich Hinterbein und Vorderbein der anderen Seite in gleicher Reihenfolge anschließen. Also hinten rechts, vorne rechts, hinten links, vorne links.

Idealerweise treten die Hinterhufe immer über den Abdruck des Vorderhufes. Zwischen Vorder- und Hinterbeinen ist ein gleichmäßiges V zu erkennen. Kopf und Hals machen beim Schritt eine leichte Nickbewegung. Ist das hintere V zu klein, ist die Hinterhand des Pferdes nicht aktiv genug und es tritt nicht genug unter den Schwerpunkt. Doch auch das vordere, häufig nicht beachtete V ist wichtig: Ist dieses kleiner, ist das Pferd in der Schulter blockiert. Die Vorhand macht in diesem Fall viel kürzere Schritte als die Hinterhand und der Schritt kommt nicht aus der Schulter heraus.

In der Dressur werden vier Schrittarten unterschieden:

  • Mittelschritt: Ein energiegeladener, regelmäßiger Schritt mit mittlerer Schrittlänge. Das Pferd tritt über den Abdruck der Vorderbeine.
  • Versammelter Schritt: Hier macht das Pferd kürzere, höhere Schritte. Das Gewicht wird von der Hinterhand getragen, das Pferd ist aufgerichtet und trägt sich selbst.
  • Starker Schritt: Das Pferd erweitert seinen Rahmen und macht so große Schritte, wie es ihm möglich ist, ohne den Takt zu verlieren.
  • Freier Schritt: Hier geht das Pferd in Dehnung und senkt Kopf und Hals. Es muss nach wie vor übertreten und den Takt behalten.

Lautstärke als Indiz für guten Schritt

Für die Reitlehrerin Martina Schuler ist ein guter Schritt ein freier Schritt, bei dem, wie sie sagt, „die Bewegung aus der Schulter heraus kommt. Bei einem guten Schritt geht die Bewegung des Pferdes fließend von hinten nach vorne bis zum Kopf durch. Das ganze Pferd bewegt sich hierbei und nicht nur die Beine und der Kopf. Die Bewegung des Pferdes ähnelt einer Raubkatzenbewegung, weil sie fließend ist. Je lockerer ein Pferd im Rücken ist, desto leiser wird es, weil die Bewegung vom Rücken aufgefangen wird. Ein fester Pferderücken spiegelt sich immer in der Schrittqualität wieder. Deswegen ist die Lautstärke ein wichtiges Indiz: Geht das Pferd einen guten, freien Schritt, wird es leiser und ist kaum noch hörbar.“ Optisch ließe sich ein guter Schritt daran erkennen, dass das Pferd kürzer erscheint, da es das Becken abkippt, mit der Hinterhand unter den Schwerpunkt tritt und nicht nach hinten rausschwingt. Außerdem wird der Takt ruhiger, da die Schritte länger werden. Ganz wichtig hierbei ist, dass die Nase des Pferdes vor der Senkrechten ist. „Ist der Kopf hinter der Senkrechten, blockieren wir es in der Schulter und können damit auch seine Hinterhand nicht vollständig aktivieren.“

Losgelassenheit und Takt

Ähnlich sieht es auch Islandpferdetrainerin Kirsti Ludwig. „Guter Schritt ist für mich vor allem gekennzeichnet durch Losgelassenheit und Takt – in dieser Reihenfolge. Ich sehe ein von hinten nach vorne über den Rücken an die Hand schreitendes Pferd mit locker pendelndem Hals und Schweif. Mit zunehmender Versammlung ändert sich der Bewegungsablauf etwas, Takt und Losgelassenheit dürfen aber nie verloren gehen. Die Kennzeichen eines guten Schritts sind immer dieselben, ganz gleich ob Gangpferd oder Dreigänger. Der Weg dahin sowie die Erhaltung dessen erfordern beim Isländer auf den ersten Blick eventuell etwas mehr Zeit, Wissen, Können und Sensibilität des Reiters. Aber auch der Schritt des dreigängigen Pferdes leidet unter zu viel Handeinwirkung, mangelnder Geraderichtung, zu früher Aufrichtung, falschem Sitz, unpassendem Sattel und ähnlichem, es wird nur später sichtbar als beim Gangpferd.“

Die Losgelassenheit, von der beide Trainer sprechen, ist also die Grundlage für einen guten Schritt, weil nur ein losgelassenes Pferd mit aktiver und korrekter Rückentätigkeit in der Lage ist, das Gewicht des Reiters zu tragen. Viele Islandpferde zeigen im Schritt keinen gleichmäßigen Viertakt. Vor allem Fünfgänger tun sich hier oft schwer. Die Unregelmäßigkeiten rühren oft daher, dass sich Vorder- und Hinterbeine derselben Seite fast gleichzeitig bewegen. Diese Lateralverschiebung verändert den Rhythmus. Der Schritt klingt dann so: 1-2 – 3-4 – 1-2 -3-4.

Der Reiter hat das Gefühl, als würde er von links nach rechts schaukeln. Er kann den Bewegungen nicht mehr richtig folgen, da diese nicht mehr dreidimensional sind. Schuld daran ist oft eine festgehaltene Rückenmuskulatur, die sich auf das gesamte Pferd auswirkt: Die Nickbewegung geht verloren, der Hals verspannt sich und das Pferd tritt nicht mehr willig an die Hand heran. Auch die Bewegungsenergie stimmt nicht mehr und die Pferde gehen entweder sehr langsam oder sind zu eilig.

Für Kirsti Ludwig hat eine schlechte Schrittqualität weniger mit dem Islandpferd als Gangpferd als vielmehr mit der Art und Weise des Reitens zu tun. „Sicherlich wirkt sich eine Gangveranlagung vielfältigst auf die Qualität der Gänge aus und so auch auf den sehr störanfälligen Schritt. Das muss aber nicht sein, denn viele Isländer verfügen sogar über einen sehr guten Schritt. Das Vorhandensein des Tölts selber ist also weniger der Grund, als vielmehr die Art und Weise, wie er geritten wird. Wird er über die Hand geritten, leiden Losgelassenheit und Takt. Meines Erachtens werden die Geraderichtung, das Aufbauen des Rückens über die Dehnung und der in die Bewegung des Pferdes eingehende Sitz immer noch zu wenig berücksichtigt. Viele Pferde werden außerdem zu früh, ohne ausreichend Aufbau an der Longe und in der Bodenarbeit geritten und auch aufgerichtet.“

Doch wie erreicht ein Reiter Losgelassenheit und Takt?

Der Weg dahin, da sind sich beide Trainerinnen einig, geht nur über das Geraderichten des Pferdes. Denn erst, wenn ein Pferd gerade, das heißt im Gleichgewicht, ist und unter den Schwerpunkt tritt, kann es das Reitergewicht tragen, ohne Schaden zu nehmen. Fehlt die Balance, wird das Pferd niemals einen qualitätsvollen Gang entwickeln oder sich lösen und später versammeln können. „Aus reeller geraderichtender Arbeit entsteht also auch der Inbegriff der Losgelassenheit, die Dehnungshaltung. Sie ist für mich absolute Grundvoraussetzung für alles weitere, nur diese lehrt ein Pferd reell über den Rücken zu laufen“, betont Kirsti Ludwig. Für sie beginnt das Geraderichten nicht erst unter dem Reiter, sondern bereits davor, nämlich bei der Bodenarbeit und dem Longieren mit Kappzaum.

Für die Arbeit unter dem Reiter nutzt Martina Schuler zum Erarbeiten des freien Schritts die lösende, lockernde Längsbiegung, die vor allem der Geraderichtung des Pferdes dient. „Ich mobilisiere das Pferd in der Längsbiegung und sorge auf diese Weise dafür, dass die Hinterhand mehr Platz bekommt. In der Längsbiegung geht die äußere Schulter vor und der Bauch schwingt nach außen. So haben beide Hinterbeine mehr Platz, um unter den Schwerpunkt zu treten: Das äußere Hinterbein bekommt mehr Platz, weil die äußere Schulter vorgeht. Das innere Hinterbein bekommt mehr Platz, weil der Bauch weg ist. In der Biegung gibt der äußere Zügel nach. Das Pferd lernt, an den äußeren Zügel heranzutreten. Wichtig hierbei ist, dass man nicht an innen kurz, sondern an außen lang denkt und dass das Pferd von sich aus die Anlehnung sucht und der Reiter sich nicht über die Hand die Anlehnung nimmt.“

Dehnungshaltung: positive Spannung und lockere Muskeln

Über diese lösende Biegearbeit wird die Dehnungshaltung erarbeitet. Diese sorgt dafür, dass das Pferd in eine positive Spannung kommt und die Muskeln sich lockern. Das Pferd dehnt sich hierbei vertrauensvoll an die Hand des Reiters, die Nase befindet sich etwa ein bis zwei Handbreit unter dem Buggelenk. Dehnungshaltung bedeutet
allerdings nicht, dass ein Pferd einfach nur seinen Hals tief nimmt. In diesem Fall würde es nämlich auf der Vorhand laufen. Die Hinterhand muss aktiv sein, damit sich der Brustkorb heben und die Oberlinie aufwölben kann. So entsteht ein positiver Spannungsbogen vom Schweif bis zum Genick, der Rücken beginnt zu schwingen
und das Pferd ist in der Balance.

Ganz wichtig bei der Dehnung ist der Genickwinkel, der nicht zu eng sein darf und immer vor der Senkrechten bleiben muss. Und je tiefer ein Pferd seinen Kopf trägt, desto weiter muss dieser Winkel sein. „Die Dehnungshaltung muss also entwickelt werden, sie ist nicht einfach da“, betont Kirsti Ludwig in diesem Zusammengang und erklärt, dass reelle Dehnung keinesfalls einfach nur durch ein Langlassen der Zügel, ein nach unten Ziehen mit der Hand oder den Einsatz von Hilfszügeln herbeigeführt werden kann. „Der einzige reelle Weg dorthin führt über korrekte
Stellung, Biegung und Seitengänge“, ist sie überzeugt und verweist auf den Reitmeister Freiherr von Oeynhausen, der gesagt hat:

„Stellung ist das Mittel, der Gang der Zweck der Reitkunst.“

Dehnt sich das Pferd an die Hand des Reiters, beginnt Martina Schuler durch kontrolliertes Nachtreiben die Hinterhand zu aktivieren. „Damit man überhaupt nachtreiben kann, muss man sein Pferd zunächst in die Lage bringen, körperlich einen freien Schritt zu gehen. Beim Nachtreiben nutze ich keine Sporen, weil diese ein Zusammenziehen der Muskulatur bewirken.“ Ganz wichtig beim Nachtreiben ist, das Tempo zu beachten und dieses dem Pferd individuell anzupassen. Es soll zwar fleißig gehen, darf aber keineswegs eilen. Wird es zu schnell, verspannt es sich im Rücken und der Schritt wird zackelig. Ist das Pferd zu langsam, dann fällt es leicht auf die Vorhand. Das Ziel des Nachtreibens sind stattdessen lange Schritte. Durch die Kombination des tiefen Halses (Dehnung) und der fleißigen Hinterhand wölbt das Pferd den Rücken auf. Für Martina Schuler gilt für das Erarbeiten eines freien Schritts daher die Reihenfolge lösendes Biegen, Dehnung und Nachtreiben. „Ein
Pferd im freien Schritt in der Dehnungshaltung nutzt die gesamte Muskulatur, so wird sie durchblutet, gelockert und aufgebaut“, erklärt sie. „Erst muss ich die Muskulatur lang machen, um sie dann verkürzen zu können, ohne sie fest zu machen.“

Ohne Dehnungshaltung geht es nicht

Die Dehnungshaltung ist also elementar, möchte man sein Pferd so reiten, dass es das Reitergewicht gesund tragen kann. Wird ein Pferd zu früh aufgerichtet, ohne dass die Muskeln gestärkt sind und es gelernt hat, seinen Rücken aufzuwölben, dann geht die Aufrichtung mit einem weggedrückten Rücken einher. Der Reiter sitzt auf dem langen Rückenmuskel, der als Bewegungsmuskel das Gewicht nicht tragen kann, und das Pferd verspannt sich. Es ist außerdem nicht in der Lage, mit den Hinterbeinen unterzutreten und Gewicht aufzunehmen. Darüber hinaus können Schmerzen im Bereich der Brustwirbelsäule sowie der Lumbosakral- und Iliosakralgegend entstehen. Auch ein gesunder Muskelaufbau ist auf diese Weise nicht möglich, weil Muskeln, um optimal arbeiten zu können, einen steten Wechsel aus An- und Entspannung benötigen. Spannt sich der Muskel an, pumpt er Adrenalin aus. Entspannt
er sich, wird er mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Fehlt die Entspannung, weil sich das Pferd im Rücken festmacht, kann die Muskulatur nicht richtig arbeiten und sich auch nicht ausbilden.

Außerdem hat die Dehnungshaltung auch eine psychologische Funktion: Ein hoher Hals ist ein Indiz für den Fluchtinstinkt des Pferdes. In dieser Position wird häufig viel Adrenalin ausgeschüttet. Ein Pferd in Dehnungshaltung ist ruhiger und entspannter.

Doch auch wenn die Dehnungshaltung oft sehr entspannt aussieht, darf sie nicht unterschätzt werden. Sie ist anfangs sehr anstrengend für das Pferd, deshalb sollte sie Schritt für Schritt und mit Verschnaufpausen erarbeitet werden. Später, wenn das Pferd gelernt hat, sich zu dehnen, wird es diese Haltung als Entspannungsphase zwischen der Versammlung gerne nutzen. Über die Dehnungshaltung lässt sich auch immer wieder überprüfen, ob die Rückentätigkeit vorhanden ist und ob die Anlehnung stimmt. Und auch wenn die Dehnungshaltung wichtig ist: Zu langes Vorwärts-Abwärts-Reiten kann die Losgelassenheit und den Muskelaufbau negativ beeinflussen, denn sobald die Hinterhand an Kraft verliert, verringert sich auch die Rückentätigkeit und das Pferd kommt auf die Vorhand.

„Gesetzte Schrittarbeit ist anstrengend, das Pferd muss wirklich tragen, denn es gibt keinen Schwung, der ihm etwas abnimmt“, erklärt Kirsti Ludwig. „Vermehrte Stärkung erfährt der Körper durch zunehmend versammelnde Arbeit in den Seitengängen, jedoch immer wechselnd mit Entspannungsphasen. Nur so baut sich positive Muskulatur auf. Der hierdurch gewonnene Kraftzuwachs wird sich sehr positiv auf die Qualität des Tölts auswirken.“

Der Reiter muss locker und ausbalanciert sein

Damit ein Pferd entspannt und gelöst Schritt gehen kann, ist es wichtig, dass auch der Reiter locker und ausbalanciert ist, entspannt atmet und die Bewegungen des Pferdes zu- und durchlässt. Spannung erzeugt Gegenspannung und solange der Reiter nicht locker ist, kann sich auch das Pferd nicht lösen und seine Balance finden.

Durch das regelmäßige Auf- und Abfußen der Hinterbeine entsteht eine regelmäßige Auf- und Abbewegung in der Kruppe. Diese lässt sich gut erkennen, wenn man von hinten das Pferd im Schritt beobachtet. Der Reiter spürt diese Bewegung, weil seine beiden Gesäßhälften regelmäßig im Wechsel links und rechts angehoben werden.

Geht das Pferd einen korrekten Schritt mit aktiver Hinterhand, dann hat der Reiter das Gefühl, als würde er rückwärts Fahrrad fahren. Fühlt es sich an, als würde er vorwärts Fahrrad fahren, geht das Pferd auf der Vorhand. Ist der Reiter im Becken fest oder schiebt, weil er vielleicht eine falsche Tempovorstellung hat und sein Pferd antreiben möchte, stört er den Schritt. Auch die Arme, Handgelenke und Hände müssen locker sein. Bleiben sie stehen, halten gegen oder ziehen sie rückwärts, dann blockieren sie Schulter und Hinterhand des Pferdes und verschlechtern die Schrittqualität. „Die Hände müssen stattdessen die Nickbewegung des Pferdes mitmachen,
fast so, als würde der Reiter einen Baum durchsägen. Reiten heißt: führen und führen lassen“, erklärt Martina Schuler.

Aufrichtung erarbeiten

Ist das Pferd im Gleichgewicht und in der Lage, einen losgelassenen, taktklaren Schritt zu gehen und sich zu dehnen, kann an der Aufrichtung gearbeitet werden. Doch auch dies braucht Zeit und wird nicht durch das Aufnehmen der Zügel und das Verkürzen des Halses erreicht. „Relative Aufrichtung ist eine Entwicklung mittels Stellung, Biegung und Seitengängen. Diese Arbeit hat einen versammelnden Charakter“, erklärt Kirsti Ludwig.

Bei der Versammlung verlagert das Pferd sein Gewicht etwas mehr in Richtung Hinterhand. Es kippt sein Becken ab, beugt seine Hanken, richtet sich auf, hebt seinen Widerrist und wird vorne ganz leicht. „Niemals darf den Pferden ihr Hals genommen werden, indem er mit der Hand verkürzt wird. So entstehen Verspannungen im gesamten Pferdekörper, besonders im Rücken, die Schulter sackt ab und die Pferde müssen sich über ihren Unterhals tragen. Der Schritt ist hier sehr störanfällig. Wer sich hohe und weite Bewegungen wünscht, muss bedenken, dass ein Pferd, dem der Hals verkürzt wird, genau in diesem Maß seinen Gang verkürzt. Ein Pferd kann immer nur dahin treten, wo seine Nase hin darf. Das beginnt im Schritt und setzt sich im Tölt fort.“

Schritt reiten auf dem (Islandpferde-)Turnier

Auch auf dem Turnier steht bei der Bewertung der Raumgriff vor der Haltung. Ein Pferd, das im Hals verkürzt wird, kann niemals lockere und geschmeidige Bewegungen machen, Raumgriff entwickeln und weit untertreten. „Wenn ein Pferd kurze Schritte macht, bekommt es weniger Punkte“, sagt André Böhme, internationaler Richter. „Wir möchten einen raumgreifenden Schritt sehen, der vorne aus der Schulter heraus kommt.“

Vielen Pferden fällt es insbesondere auf Turnieren schwer, einen taktklaren, losgelassenen Schritt zu gehen. Das kann auch André Böhme, internationaler Richter, bestätigen. Bei der Bewertung orientieren sich die Richter an den Leitgedanken der FEIF. Dort steht:

„Das Pferd soll sich in einem gleichmäßigen Viertakt mit raumgreifenden Schritten losgelassen und energisch bewegen. Das Pferd soll mit gestrecktem Hals, runder und lockerer Oberlinie losgelassen mit guter Energie und raumgreifenden Schritten vorwärtsgehen. Der Rücken ist elastisch und die Bewegungen gehen durch den Körper des Pferdes.“

Ist ein Pferd steif oder verspannt, macht es kurze Schritte, eilt oder hat Probleme mit Takt und Gleichgewicht, gibt es Punktabzug. „Der Schritt ist sehr störanfällig, deswegen ist er auf dem Turnier auch besonders schwer zu reiten. Sobald das Pferd seine Haltung ändert, weil es zum Beispiel den Hals senkt oder hebt, ändert sich der gesamte Bewegungsablauf. Außerdem sind die Pferde durch das gesamte Turnierumfeld, die Zuschauer, die Fahnen und die Lautsprecher, oft aufgeregt und abgelenkt. Und natürlich überträgt sich auch die Aufregung des Reiters auf das Pferd. Deswegen gehen Pferde auf einem Turnier oft nicht so entspannt Schritt wie zu Hause, so André Böhme“

Weil ein Richter nur wenige Sekunden Zeit zum Bewerten des Pferdes hat, sind viele Wertnoten nur Momentaufnahmen. Schaut der Richter hin, wenn das Pferd auf den Ausgang zugeht und möglicherweise zu eilen beginnt, ist die Note nicht so gut, weil der Rhythmus nicht stimmt. Geht das Pferd vom Ausgang weg, kann der
Rhythmus wieder viel besser sein. „Eine Prüfungseinheit dauert rund 60 bis 90 Sekunden und es sind vier bis fünf Pferde in der Bahn. Wir Richter haben deswegen nur einen sehr kurzen Moment, in dem wir das Reiterpaar bewerten können.“

Eine weitere Schwierigkeit sieht er im Prüfungsablauf. In den Vier- und Fünfgangprüfungen folgt der Aufgabenteil Schritt auf den Trab, anschließend folgt der Galopp. „Die Pferde müssen vor dem Schritt viel Energie haben und danach auch. Trotzdem wird erwartet, dass sie entspannt Schritt gehen. Das ist sehr schwierig und muss deswegen
zu Hause geübt werden“, so André Böhme.

Ist der Rücken fest, ist keine Versammlung möglich

Beim Training zu Hause ist vor allem der Schritt bestens dafür geeignet, den Rücken zu lockern – vor allem im Bereich der Lendenwirbel und des Kreuzdarmbeins (Lumbosakralgelenk), wo bei vielen Islandpferden eine Schwachstelle liegt. „Wenn der Rücken des Pferdes fest ist, ist auch keine Versammlung möglich. Nur wenn das Pferd im Lendenbereich locker ist, kann es durch das Abkippen des Beckens längere Schritte machen und mehr unter den Schwerpunkt, das heißt deutlich über den Abdruck des Vorderhufs treten. Beim Abkippen des Beckens darf es aber nicht breit werden, denn dann nutzt es seine Hinterhand nicht reell“, erklärt Martina Schuler, und Kirsti Ludwig ergänzt, dass bei einem Isländer, der im Schritt schon passig gehe, kaum eine Chance bestehe, daraus einen lockeren Tölt zu entwickeln. „Die Vorbereitung ist also alles und diese muss im Schritt geschehen. Hier habe ich die Chance, das Pferd ehrlich geradezurichten, damit zu lösen und in Balance zu setzen, dies wird sich mit steigender Kraft auch auf den Tölt übertragen.“

Die Gangart Schritt spielt also eine wesentliche Rolle beim Training und sollte niemals unterschätzt werden. „Auch die Reiter, die wenig Spaß am Dressurreiten haben, sollten sich klarmachen, dass die Geraderichtung im Schritt zur Gesunderhaltung ihres Pferdes beiträgt und einen erheblichen Leistungsfaktor darstellt. Nur reell im Schritt geradegerichtete Pferde sind in der Lage, maximale Kraft von hinten nach vorne zu übertragen und im starken Tempo Tölt oder auch im Rennpass Höchstleistung zu vollbringen“, so Kirsti Ludwig.

Zum Weiterlesen:

Wenn du mehr über das Thema erfahren möchtest, empfehle ich dir das Buch Grundausbildung von Gangpferden von Kirsti Ludwig, das ich dir in meiner Rezension vorstelle.


Dieser Text erschien erstmals in der Zeitschrift DAS ISLANDPFERD, Ausgabe 4/2016.

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