Muskelaufbau durch Bodenarbeit

Muskelaufbau durch Bodenarbeit

Es gibt viele, viele Situationen, in denen ein Pferd nicht geritten werden kann und der Muskelaufbau durch Bodenarbeit stattfinden muss: das Pferd ist ein Jungpferd und wird sanft darauf vorbereitet, Reitergewicht zu tragen, der Reiter ist verletzt oder schwanger, das Pferd wird nach einer Trainingspause – verletzungsbedingt oder weil es ein Fohlen bekommen hat – wieder antrainiert, es ist Winter und man möchte den Pferderücken auf den Sommer vorbereiten, das Pferd ist alt und soll nicht mehr geritten werden, es ist aber fit genug für regelmäßige Trainingseinheiten… Gründe gibt es viele.


Oft sind Muskelaufbau und Konditionstraining vom Boden aus sogar viel effektiver, weil das Pferd nicht durch zusätzliches Gewicht auf dem Rücken beeinträchtigt und durch den Reiter aus der Balance gebracht wird. Insbesondere mit (richtigem!) Longieren kannst du dazu beitragen, dein Pferd auch dann fit zu halten, wenn du selbst nicht reiten kannst. Deswegen steht das Longieren im Fokus dieses Beitrags – auch wenn es selbstverständlich nicht die einzige Möglichkeit für Muskelaufbau ist.

Muskelaufbau und Kondition durch gezieltes Longieren

Gezielte Longenarbeit hilft erheblich, Muskeln und Kondition aufzubauen. Allerdings möchte ich betonen, dass es dabei um richtiges Longieren und nicht um das Zentrifugieren eines mit Hilfszügeln ausgebundenen Pferdes geht. Ich selbst longiere beispielweise ausschließlich am Kappzaum, einen Ausbinder hat mein Pferd sein Leben lang noch nicht gesehen.

Zu den Vorteilen eines Kappzaums gibt es bereits viele Texte. Ich mag ihn, weil er maulschonend ist, weil er Stellung und Biegung ermöglicht und weil man mit einem Kappzaum ganz easy fließende Handwechsel vornehmen kann.
Wichtig beim Longieren ist, dass sich dein Pferd korrekt biegt. Dabei solltest du dich weniger auf die Form des Halses, als vielmehr auf die Hinterhand deines Pferdes konzentrieren. Eine korrekte Biegung geht nämlich durch den ganzen Pferdekörper. Der Hals kann noch so schön rund aussehen, wenn dein Pferd mit seiner Hinterhand ausweicht, biegt es sich nicht korrekt. Über das Thema korrekte Biegung kannst du in meinem Beitrag Stellung und  Biegung mehr lesen.

Wenn es deinem Pferd noch schwer fällt, sich korrekt zu biegen, könntest du mit einer Quadratvolte arbeiten. So habe auch ich angefangen. Am einfachsten ist es, wenn du dir hierzu vier oder acht Stangen (bei acht wäre es dann eine Gasse, durch die dein Pferd laufen muss) aus Holz oder Schaumstoff zu einem Quadrat legst und dein Pferd nur an den jeweiligen Ecken korrekt biegen lässt. Und noch ein Tipp: Kauf dir diese kleinen Markierungsteller, die man vom Fußballtraining kennt. Sie sind super, um einen runden Zirkel zu markieren und dir vor allem am Anfang eine Orientierungshilfe zu geben. Diese findest du hier*:

Longeneinheit gestalten

Eine Longeneinheit sollte mindestens ebenso sorgfältig gestaltet werden wie eine Reiteinheit. Das bedeutet, dass du dein Pferd zunächst gut aufwärmen und für das Ende eine Cool-Down-Phase einplanen solltest.

Die Aufwärmphase sollte zwischen zehn und 15 Minuten betragen. Bitte achte darauf, dass du dein Pferd nicht wild losrennen lässt oder es womöglich scheuchst. Dies ist nicht nur in der Aufwärmphase absolut schädlich und kontraproduktiv. Außerdem sorgt es für psychischen Druck und jede Menge negativen Stress bei deinem Pferd. Besser wäre ein guter Schritt – also kein Trödeln auf der Vorhand – und ein lockerer Trab mit guter Atem- und Herzfrequenz im aeroben Bereich.

Wichtig ist, dass du regelmäßige Handwechsel vornimmst und dein Pferd nicht ewige Zeit auf einer Hand laufen muss. Außerdem gebe ich meinem Pferd immer wieder die Chance, auch mal geradeaus zu laufen. Deswegen bleibe ich nicht starr in meinem Zirkel stehen, sondern beziehe den ganzen Reitplatz mit ein – zumindest dann, wenn ich dadurch niemanden störe. So kann ich Geradeaus, große Zirkel und Volten abwechseln. Dies kann ich dir ebenfalls sehr empfehlen.

Sobald mein Pferd aufgewärmt ist, beginne ich mit der Arbeitsphase. Diese besteht beispielsweise aus dem Aktivieren der Hinterhand durch Übergängen oder Tempovarianten. Tempo-Übergänge sind ein tolles Training für die Muskulatur der Hinterhand und die Bauchmuskulatur. Reduziert ein Pferd sein Tempo, muss die Hinterhand mehr Last aufnehmen und das Gewicht abbremsen. Diesen Kräftigungseffekt erreichst du bereits bei Tempovarianten innerhalb einer Gangart.

Auch Stangen oder Cavaletti binde ich gerne in die Arbeitsphase ein. Außerdem lasse ich mein Pferd immer wieder übertreten und seitwärts gehen – dies aber nicht auf dem Zirkel. Dazu nehme ich die Longe ganz kurz und gehe neben oder vor dem Kopf meines Pferdes.

Anschließend gibt es noch eine Cool-Down-Phase im Schritt. Hier binde ich gerne Dehnungsübungen und zirzensische Lektionen mit ein – beispielsweise den Spanischen Schritt oder das Verbeugen. Ein tolles Buch, in dem du ganz viele tolle Dehnungsübungen an die Hand bekommst, ist das Buch Anatomie, Gymnastizierung, Muskelaufbau: Die besten Übungen am Boden* von Gillian Higgins.

Und ganz zum Schluss klettern wir meist immer noch einmal aufs Podest – mein Pferd liebt es und ich nutze es gerne, um die Arbeitseinheit positiv und mit etwas, das Spaß macht, zu beenden. Ob das nun Podesttraining oder etwas anderes ist, was dein Pferd mag, ist ganz egal. Aber bitte lass die Einheit niemals mit negativer Stimmung enden.

Longieren für Profis

Wenn du und dein Pferd das Longieren gut beherrscht, könntest du einen Schritt weiter gehen und beispielsweise Dual-Aktivierung® oder Equikinetic® in das Training mit einbinden. Beide Trainingsmethoden wurden von Michael Geitner entwickelt und eignen sich super für den Muskelaufbau.

Dual-Aktivierung®

Die Dual-Aktivierung® bezieht sich auf die Aktivierung der beiden Gehirnhälften deines Pferdes durch die Farben Gelb und Blau.

Um das Prinzip der Dual-Aktivierung® verstehen zu können, musst du wissen, dass das Fluchttier Pferd mit seinen beiden Augen unabhängig voneinander sehen und Informationen wahrnehmen kann. Ein klassisches Beispiel, das dir dieses Phänomen etwas verständlicher machen kann: Wenn du zum Beispiel in den Wald hineinreitest und dort plötzlich etwas ist, was dort vorher nie war, dann hat dein Pferd beim Reinreiten in den Wald kein Problem. Beim Rausreiten aber schon. Dies liegt daran, dass die Information unterschiedlich wahrgenommen und verarbeitet wird.
Mittlerweile wurde wissenschaftlich bewiesen, dass Pferde die Farben Blau und Gelb am besten sehen können. Ihr Farbsehen ist ein wenig zu vergleichen mit dem von Menschen mit einer Rot-Grün-Schwäche. Deswegen hat Michael Geitner die Farben Gelb und Blau in sein Trainingskonzept einfließen lassen und macht Dual-Aktivierung® zu mehr, als einfach nur Longieren durch Stangen. Bei der Dual-Aktivierung® nutzen Pferde beide Gehirnhälften und können auf diese Weise das, was sie lernen, besser und schneller verarbeiten. Die Balance des Pferdegehirns wird trainiert und damit die Grundlage für optimales Lernen geschaffen. In Kombination mit einem Wechsel aus Stellung, Biegung und Geraderichten, werden zudem Bewegungskoordination und Balance gefördert. Das Pferd erhält mehr Selbstbewusstsein und kann auch mit Stresssituationen besser umgehen.

Michael Geitner hat sich verschiedene Parcoursvarianten überlegt, die mit blauen und gelben Schaumstoffstangen und blauen und gelben Pylonen aufgebaut und in das Longieren eingebaut werden können. Wenn du hierzu mehr wissen möchtest, kann ich dir sehr das Buch Dual-Aktivierung* von Michael Geitner empfehlen. Dort findest du nicht nur ausführliche Infos über das (Farb-)Sehen von Pferden, sondern auch ganz viele tolle Trainingstipps und Anregungen, wie du das Stangentraining kreativ und abwechslungsreich gestalten kannst.

Equikinetic®

Equikinetic® ist, vereinfacht gesagt, Longieren in Stellung mit bestimmten Zeitintervallen.

Für Equikinetic® brauchst du einen Timer – hier kannst du beispielsweise einfach eine App nutzen. Darüber hinaus brauchst du Dualgassen und Pylonen. Außerdem brauchst du einen Zeitplan – diesen kannst du hier der Seite von Michael Geitner herunterladen.

Die Effektivität dieses Trainings liegt darin, dass sich Arbeits- und Erholungsphasen abwechseln und so ein Trainingsreiz entsteht. Dadurch werden Muskeln effektiv aufgebaut.

Rund 20 Minuten Equikinetic® sind sowohl körperlich als auch mental ein echtes Trainingsprogramm für die Pferde, weil es echt anstrengend ist. Das darfst du auf keinen Fall unterschätzen. Wichtig ist außerdem, dass du deinem Pferd danach ausreichend Trainingspause gönnst, damit die Muskeln wachsen können. Ein Spaziergang für den nächsten Tag wäre da ideal.

Wenn du vier bis acht Wochen lang zweimal die Woche Equikinetic® in dein Training einbindest, wirst du sicherlich schon eine tolle Entwicklung sehen können. Nach acht Wochen wird empfohlen, einmal die Woche Equikinetic® zum Muskelaufbau durch Bodenarbeit zu nutzen.

Auch hier empfehle ich dir Geitners Buch Equikinetic®: Pferde effektiv longieren* zu kaufen, dass dir noch viel mehr zu dieser Trainingsmethode verrät. Wenn du einen Einblick haben möchtest, was dich erwartet, schau mal bei Ride On vorbei.

Doppellonge, Langzügel und Fahren vom Boden

Noch anspruchsvoller empfinde ich das Longieren mit Doppellonge. Vor einigen Jahren habe ich mal einen Kurs besucht und das Longieren mit Doppellonge gelernt. Dabei wurde die Doppellonge ins Gebiss eingeschnallt. Doch irgendwann bin ich auf den Kappzaum umgestiegen und habe dann auf die Doppellonge komplett verzichtet. Ich weiß, dass ich sie auch mit dem Kappzaum nutzen könnte – doch bisher habe ich es noch nicht gemacht.

Was ich jedoch öfter mal mache, das ist Handarbeit oder auch Langzügelarbeit. Dies nutze ich besonders gern, um beispielsweise Seitengänge wie das Schulterherein oder das Travers erarbeite. Auch hierzu habe ich einen Kurs besucht und dabei konnte ich feststellen, dass mein Pferd sehr viel Freude an dieser Form des Trainings hat.
Die Herausforderung besteht für mich immer wieder darin, die Hinterhand zu kontrollieren. Während ich dies beim Reiten mit meinem Körper mache – schließlich sagt man: Die Schulter des Reiters bewacht die Schulter des Pferdes und das Becken des Reiters das Becken des Pferdes – fehlt mir bei der Bodenarbeit diese Kontrollinstanz. Aber mit der Zeit schult man sein Auge und wird sensibler für falsche Bewegungen.

Spazierengehen aktiviert das Herz-Kreislauf-System

Wenn du vom Boden aus die Ausdauer und Kondition deines Pferdes verbessern möchtest, musst du aber nicht immer nur longieren. Du kannst ebenso gut mit deinem Pferd immer wieder lange und ausgedehnte Spaziergänge unternehmen. So kann dein Pferd in seiner Hauptgangart – dem Schritt – seine aerobe Ausdauer verbessern und sein Herz-Kreislauf-System aktivieren. Auch Joggen mit Pferd ist super – allerdings braucht es hier auch einen fitten Reiter. 😉 Perfekt wäre der Spaziergang, wenn du bei dir hügeliges Gelände hast. Hier bei uns im Norden suchen wir die Berge vergeblich. Aber vielleicht sieht es ja bei dir anders aus. Dann solltest du dein Pferd unbedingt Hügel rauf und Hügel runter klettern lassen. Das sorgt für ordentlich Muckis und hält euch beide fit!

Zirkustricks dehnen und stärken die Muskulatur

Zirkustricks solltest du ebenfalls in dein Training vom Boden einbinden. Sie sind nicht nur eine wirklich tolle Abwechslung, sondern sie fördern die Beweglichkeit, dehnen Sehnen, Muskeln und Bänder und schulen die Balance. Hier erzähle ich dir, warum Zirkustricks mit dem Pferd toll sind und inwiefern du von ihnen profitieren kannst.

Welche Tipps hast du für den Muskelaufbau durch Bodenarbeit?

Warst auch du schon einmal in der Situation, dass du dein Pferd nicht reiten konntest und ausschließlich vom Boden aus die Muskulatur stärken musstest? Was hat dir dabei geholfen und was kannst du mir und den anderen Lesern empfehlen? Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir deine Erfahrungen in einem Kommentar hinterlässt.

Viele Grüße und bis bald

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