Pferdeherde

Stoffwechsel bei Pferden – welche Bedeutung hat er und was passiert, wenn er aus dem Ruder gerät?

Das Thema Stoffwechsel ist derzeit in aller Munde – aber was steckt eigentlich dahinter? Wie kann ich erkennen, ob der Stoffwechsel meines Pferdes aus dem Ruder geraten ist und welche Folgen bringt es mit sich?

Mit diesen Fragen habe ich mich an die Tierärztin für Homöopathie Dr. med. vet. Svenja Thiede gewandt. Svenja habe ich bei einem Interview zum Thema Homöopathie für Pferde kennengelernt (der Artikel dazu erscheint in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift „Das Islandpferd“) und sie hat mich mit dem, was sie mir erzählt hat, sehr begeistert. Ein Thema, das im Interview immer wieder zur Sprache kam, war der Stoffwechsel der Pferde. Und weil es ein so wichtiges Thema ist, habe ich es aufgegriffen und sie erneut um ein Interview gebeten: Diesmal sollte es aber ganz konkret um den Stoffwechsel von Pferden gehen.

Der Duden definiert Stoffwechsel wie folgt: „Gesamtheit der biochemischen Vorgänge in einem lebenden Organismus, bei denen dieser zur Aufrechterhaltung seiner Funktionen Stoffe aufnimmt, chemisch umsetzt und abbaut.“

Das klingt furchtbar technisch und hat auf den ersten Blick auch nicht viel mit uns Menschen und unseren Pferden zu tun. Aber auf den zweiten Blick schon. Und zwar ganz schön viel!

Tierhomöopathin Svenja Thiede
Svenja Thiede, Tierärztin für Homöopathie

Pferdefreunde: Liebe Svenja, alle reden vom Stoffwechsel – aber was steckt da eigentlich hinter?

Svenja Thiede: Stoffwechsel ist Leben. Jeder Organismus, jede einzelne Zelle betreibt Stoffwechsel, ständig und ihr ganzes Leben. Nährstoffe und Energie kommen rein, die jeweils spezifische Arbeit wird gemacht, Stoffwechselendprodukte gehen wieder raus.

Das Thema Stoffwechsel scheint sehr komplex zu sein – welche Arten von Stoffwechsel gibt es denn? Und hängen sie alle zusammen oder existieren sie parallel zueinander?

In einem Lebewesen hängt natürlich alles zusammen, schließlich hat sich alles aus einer einzigen Zelle entwickelt. Das Wunder des Lebens ist, dass alles zusammen funktioniert und jede Zelle „weiß“, was ihre Aufgabe ist. Dabei betreibt jede einzelne Zelle ihren eigenen Stoffwechsel. Um es uns verständlicher zu machen, sprechen wir von „Leberstoffwechsel“, „Hormonhaushalt“, „Verdauung“, aber letztendlich geht nichts ohne das andere. Wir kennen eine Menge der Stoffwechselvorgänge bis ins Detail und können viele Vorgänge mit chemischen Formeln und Schemazeichnungen beschreiben. Dennoch gibt es ständig neue Erkenntnisse – und neue Empfehlungen, was die Optimierung des Stoffwechsels und der Gesundheit oder die Behandlung von Stoffwechselstörungen angeht.

Welche Bedeutung hat der Stoffwechsel für den Körper und die Gesundheit von Pferd (und Mensch) und wie hängen die einzelnen Organe damit zusammen?

Es muss alles „rund laufen“, damit die Gesundheit erhalten bleibt. Es gibt ein paar zentrale Stellschrauben, die besonders offensichtlich sind und besonders deutlich reagieren, wenn etwas nicht mehr stimmt. Bevor wir jedoch Symptome sehen, ist schon viel passiert, was wir vielleicht nicht wahrgenommen haben. Der Körper ist gegen die Umwelt abgegrenzt durch die großen Barrieren Haut, Darmschleimhaut, Schleimhaut der Atemwege. Diese Barrieren müssen permanent entscheiden, was durchgelassen wird, und was nicht. Sie lassen aber nicht nur rein, sondern auch raus. Ist eine dieser Barrieren überlastet, so kommt es oft zur Ausscheidung von Stoffwechselendprodukten über eine andere Barriere – die dann auch überlastet ist und dies durch deutliche Symptome zeigt. Wenn das passiert, ist schon zu viel passiert.

Die meisten Substanzen werden – hauptsächlich in Form von Nahrung – über den Darm aufgenommen. Die Darmbarriere muss den Organismus schützen vor schädlichen Stoffen und krankmachenden Keimen. Deshalb sitzt der größte Anteil des Immunsystems im Darm (ca. 80 Prozent). Wird die Barriere durchbrochen, ist die nächste Station die Leber, die die Möglichkeit hat, viele giftige Substanzen umzubauen, um sie dann in den Darm zurück zu schicken, damit sie ausgeschieden werden, oder um sie in wasserlöslicher Form über die Nieren zu entgiften. Die Leber hat sehr viele verschiedene Aufgaben, sie ist der Dreh- und Angelpunkt nahezu aller Stoffwechselvorgänge. Wenn die Leber zu viele Aufgaben auf einmal bekommt, ist sie irgendwann überlastet. Das kann sich in einer mangelhaften Entgiftungsleistung bemerkbar machen. Es werden nicht mehr alle giftigen Substanzen unschädlich gemacht und einige werden zum Beispiel über die Haut ausgeschieden – es kommt zu Juckreiz. Bis die Leber allerdings deutlich sagt „ich kann nicht mehr“, dauert es. Der Weg zum Burn-Out der Leber ist lang, doch vorher hat sie schon längere Zeit Stress und ist überarbeitet. Es ist wichtig, frühe Anzeichen zu erkennen oder – noch besser – der Leber immer mal zu helfen, bevor Anzeichen zu sehen sind.

Die Menschen haben vor langer Zeit Fastenzeiten eingeführt – aus gutem Grund, was heute in unserer Überflussgesellschaft leider meist vergessen wird und ja auch tatsächlich sehr schwer fällt. In Zeiten ohne Medizin war die Fastenzeit die Möglichkeit, sich von überflüssigen Giftstoffen zu befreien. Manchmal denke ich, dass das heute wichtiger ist denn je, da so viele künstliche Stoffe, Umweltgift, Medikamente usw. auf uns einwirken.

Verschiedene Fleischfresser fasten auch gelegentlich, um den Verdauungstrakt und damit den gesamten Stoffwechsel zu entlasten.

Pferde und andere Pflanzenfresser können nicht fasten, sie würden davon sehr schnell krank werden. Ist auch gar nicht nötig, weil ihre Nahrung eigentlich überhaupt keine Belastung darstellt und im Gegenteil zu jeder Jahreszeit das richtige Kraut wächst, um den Stoffwechsel immer wieder in Schwung zu bringen.

Woran erkenne ich, ob der Stoffwechsel meines Pferdes gut funktioniert oder ob er möglicherweise gestört ist?

Ein fröhliches Pferd mit weichem, glänzendem Fell, trockenen Beinen und ohne schwabbelige Beulen irgendwo hat wahrscheinlich einen gesunden Stoffwechsel. Anzeichen für eine Stoffwechselstörung sind …

  • Müdigkeit, Unlust („Die Müdigkeit ist der Schmerz der Leber“)
  • Stumpfes Fell, schlechter Fellwechsel
  • Scheuern an Schweifrübe und Mähne (Die Haut versucht, Giftstoffe auszuscheiden)
  • Stichelhaare (können – müssen aber nicht – ein Zeichen für eine überlastete Leber sein)
  • Verstopfte Talgdrüsen
  • Hautpilz, Milben (geschwächte Immunabwehr)
  • Verquollene Augen, insgesamt aufgeschwemmtes Aussehen
  • Augentränen
  • „Hengstkamm“ (dringender Verdacht auf ein Equines Metabolisches Syndrom oder der Weg dorthin!)
  • Fettansammlungen um die Schweifrübe herum
  • Angelaufene Fesseln (hinten! Zeichen für gestörten Lymphabfluss – Niere und oder Leber überlastet?))
  • Zahnfleischentzündungen
  • Kotwasser, Durchfall
  • Befall mit Endoparasiten (geschwächte Immunabwehr, gestörte Darmbarriere)
  • Mangelhaftes Hufhorn
  • Wiederkehrende Hufgeschwüre (möglicherweise ein Entgiftungsversuch!)
  • Mauke, Raspe
  • Hüsteln – durch ständige gereizte Schleimhaut, Husten – schließlich bleibende Staubempfindlichkeit

Warum sieht man vermehrt Pferde, bei denen der Stoffwechsel nicht mehr richtig funktioniert? Was sind mögliche Gründe?

Ich denke, der Hauptgrund ist die oft nicht pferdegerechte Haltung und Fütterung. Die Physiologie der Pferde bedingt, dass sie Dauerfresser sind, die 14 bis 18 Stunden am Tag langsam gehend Nahrung zu sich nehmen. Zwischendurch legen sie kleine Sprints ein, ohne sich zu verletzen (!). Das hat sich aus der Evolution des Pferdes in seinem Lebensraum so ergeben. Heute bekommen viele Pferde Mahlzeiten: morgens, mittags (manchmal noch nicht mal das), abends. Wenn der Verdauungstrakt längere Zeit keinen Nachschub bekommt und dann auf einmal eine große Menge, oder sogar plötzlich leicht verdauliche Kohlenhydrate in Form von Kraftfutter, kommt alles durcheinander. Hinzu kommt, dass die meisten Pferde zu wenig Bewegung haben. Boxenhaltung mit einer Stunde kontrollierter Bewegung am Tag, aber auch Offenstallhaltung mit Rumstehen auf viereckigen Paddocks, ist für Pferde schlimmer als ein achtstündiger Schreibtischjob für uns. Wenn es an Bewegung mangelt, kommt der gesamte Stoffwechsel ins Stocken.

Auch für die Pferde wird es durch zunehmende Umweltbelastungen immer schwerer, gesund zu bleiben. Dünger und Pflanzenschutzmittel, Straßenschmutz, chemische Substanzen im Wasser, Medikamente, Wurmkuren usw. belasten den Organismus und überfordern ihn.

Das Grundfutter hat sich über die Jahrzehnte verändert. Aus pferdegerechten Magerweiden mit vielen Kräutern und verschiedenen Gräsern wurde Grünfutter, das Kühe viel Milch produzieren lässt. Es wurde neue Gräsersorten gezüchtet und verbreitet, die für Pferde unverträglich sind (auch Kühe haben normalerweise nicht derartigen Durchfall, wie wir ihn als Kuhfladen hinnehmen, aber das nur am Rande…). Jetzt halten wir auf ehemaligen Kuhflächen viele Freizeitpferde, die mit dem Kuhgras zurechtkommen müssen – dieses aber auf Dauer nicht können.

Welche Folgen hat ein Stoffwechsel, der aus dem Ruder geraten ist?

Das kommt natürlich darauf an, in welche Richtung es gelaufen ist. Viele Faktoren spielen eine Rolle: Zuerst sieht man oben genannte „Zipperlein“, aber dann hat man unter Umständen ein schwerkrankes Pferd. Es gilt, rechtzeitig Anzeichen zu bemerken und Ursachenforschung bei Pferd und Umgebung zu betreiben. Die wirklich häufigste ursprüngliche Ursache ist nicht pferdegerechte Raufutter-Fütterung. Dies gilt es zu analysieren und zu benennen. Es bringt nichts, symptomatisch zu behandeln. Früher oder später werden andere Symptome auftreten.

Viele Futterhersteller bewerben ihre Produkte damit, dass sie den Stoffwechsel entlasten oder aktivieren. Geht das überhaupt? Und inwiefern spielt die Fütterung von speziellen Futtermitteln eine Rolle?

Der Markt ist tatsächlich überschwemmt von Probiotika, Nutrazeutika, Entgiftungspräparaten usw. Es lohnt sich, das Kleingedruckte zu lesen, denn oft ist mehr drin, als man seinem Pferd antun will (zum Beispiel hochgiftige Konservierungsstoffe wie Ethoxyquin). Und: Diese Präparate bringen nichts, wenn sie nicht mit Plan gegeben werden (viele bringen tatsächlich gar nichts, auch nicht mit Plan). Das heißt, erst muss eine Analyse der Gesamtsituation erfolgen und dann kann man entscheiden, ob eine Unterstützung mit bestimmten Futterzusatzmitteln hilfreich ist. Gezielt eingesetzt gibt es tatsächlich einige bestimmte Präparate, die positiven Einfluss auf bestimmte Stoffwechselvorgänge nehmen, indem sie beispielsweise einen Mangel ausgleichen, Hilfsstoffe liefern oder eine adaptogene Wirkung auf bestimmte Vorgänge haben.

Als Homöopathin triffst du immer wieder auf Pferde, deren Stoffwechsel nicht intakt ist. Wie kann Homöopathie den Stoffwechsel wieder ins Lot bringen? Wie sieht deine Therapie aus?

Klassische Homöopathie stärkt die Lebenskraft des Gesamtorganismus und bringt sie wieder ins Lot. Die Gesamtheit der Symptome macht den Patienten aus. Daraus ergibt sich ein Arzneimittel mit dem ähnlichsten Arzneimittelbild. Nach Gabe des Mittels wirkt die Energie der Arznei über längere Zeit und reguliert so alle Stoffwechselvorgänge. Die Lebenskraft hat ihre Verstimmung vergessen und produziert keine Symptome mehr. Allerdings kann auch die beste Homöopathie nichts ausrichten, wenn die Umgebungsbedingungen schlecht sind. Das hat auch schon Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, vor etwa 250 Jahren beschrieben. Er gab damals strenge Anweisungen zu „Diät und Lebensordnung“ für seine (menschlichen) Patienten.

Wenn ich sehe, dass die Ursachen für eine chronische Erkrankung Haltung und Fütterung sind, dann gebe ich mich und den Besitzer nicht der Illusion hin, ich könne alles mit ein paar Globuli heilen. Deshalb gehört zur Anamnese immer eine Fütterungsberatung und ich empfehle oft gezielt bestimmte Futterzusatzmittel oder zum Beispiel chinesische Heilpilze – und allem voran dringend eine Optimierung der Raufutterfütterung. Das sogenannte homöopathische Konstitutionsmittel gebe ich dann in Form einer Hochpotenz meist erst nur einmal – und dann warten wir ab, was passiert. Das ist besonders bei schwer chronisch kranken Patienten zunächst etwas unbefriedigend für den Besitzer. Die meisten haben schon viel probiert und dann komme ich, und es ist gar nicht nach einer Woche alles gut, wie gehofft. Solche chronischen Fälle brauchen Zeit und Geduld und die Mitarbeit des Besitzers – und der Umgebung, sofern das Pferd nicht in Eigenregie gehalten wird. Meistens verändert sich sehr schnell etwas und der Besitzer merkt es gar nicht. Bei genauerem Nachfragen stellt man dann aber fest, dass die viele Symptome anders oder besser geworden sind. Nach ein paar Wochen muss entweder das gleiche Mittel noch mal gegeben werden, oder es hat sich so viel verändert, dass das Mittel gewechselt wird.

Liebe Svenja, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, um meine Fragen zu beantworten!

Wenn du mehr über die Arbeit von Svenja erfahren möchtest, dann schau doch mal auf ihrer Internetseite homoeopathiede.de vorbei. Übrigens: Svenja arbeitet eng mit der Osteopathin Selina Dörling zusammen. Über ihre Arbeit habe ich hier bereits berichtet.

Für einen gesunden Stoffwechsel bei Pferden sorgen

Eine gesunde und artgerechte Pferdehaltung und Fütterung ist das A und O, damit der Stoffwechsel deines Pferdes gesund bleibt. Über viele Punkte, die Svenja dabei angesprochen hast, habe ich bereits geschrieben. Insbesondere das Thema Raufutter und Fresspausen liegt mir sehr am Herzen, deswegen findest du hier gleich mehrere Texte zu – beispielsweise eine Anleitung für den Bau eines automatischen Weidetores oder einer zeitgesteuerten Heuraufe. Außerdem habe ich einen tollen Gastbeitrag zum Thema Paddockgestaltung – denn ein langweiliger, viereckiger Offenstall bietet einem Pferd nur sehr wenig Bewegungsanreize – und ein paar Gedanken zur artgerechten Pferdehaltung. Und wenn der Stoffwechsel deines Pferdes bereist so stark aus dem Ruder geraten ist, dass es womöglich mit Sommerekzem reagiert, findet du in meinem Beitrag Erste Hilfe bei Sommerekzem hilfreiche Tipps, die deinem Pferd Linderung verschaffen können.

Mein Pferd bekommt außerdem zweimal im Jahr eine Kräuterkur zum Entgiften von Leber und Niere. Dies wurde mir vor einer ganzen Weile von meiner Osteopathin empfohlen. Über den Sinn der Fütterung von Kräutern hat Saskia von Pferdespiegel geschrieben.

Weißt du, wie es um den Stoffwechsel deines Pferdes steht? Was tust du, um ihn zu optimieren? Schreib mir doch einfach einen Kommentar! Ich freue mich auf deine Meinung zum Thema Stoffwechsel bei Pferden!

Viele Grüße

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