TTouch: Durch das Abstreichen des Pferdekörpers können Verspannungen und Muskelverhärtungen erfühlt werden

TTouch für Pferde: Gespräche auf Zellebene

Die Verhaltens- und Körpertherapeutin Linda Tellington-Jones gehört zu den bekanntesten Pferdemenschen der Welt. Ein Grund für ihre Popularität sind neben ihrem Trainingssystem Tellington Touch Equine Awareness Method (TTEAM) die so genannten TTouches, eine Form der Körperarbeit, die sie während der 1970er Jahre das erste Mal auf der Equitana vorstellte und die seitdem Millionen von Menschen weltweit begeistert. Ich habe TTouch für Pferde im vergangenen Jahr Rahmen eines Kurses kennengelernt und bin seitdem ebenfalls ein großer Fan.

TTouches: Was ist das eigentlich?

TTouches sind, ganz einfach gesagt, vertrauensfördernde Berührungen. Sie haben das Ziel, die Zellfunktion zu aktivieren, die Zellintelligenz zu wecken und auf diese Weise das Potenzial für Selbstheilung und Lernen im Körper anzuregen.

Das T bei TTouch steht für trust = Vertrauen.

Markenzeichen und Grundstein der TTouches ist die kreisförmige Bewegung: Beim TTouch wird die Haut in einem Eineinviertel-Kreis verschoben, angefangen bei sechs Uhr geht es über neun Uhr, zwölf Uhr, drei Uhr, sechs Uhr bis zu neun Uhr.

Die Eineinviertelkreise werden kombiniert mit verschiedenen Druckstärken, Tempi und Haltepositionen der Hände. Beim Muschel-TTouch wird beispielsweise mit der flachen Hand gearbeitet, beim Wolken-Leopard ist die Hand leicht gewölbt. Die kreisförmigen TTouches werden ergänzt um hebende und streichende TTouches und Körper-TTouches.

Der positive Effekt der kreisförmigen Bewegungen

In ihrem Buch Tellington Training für Pferde erzählt Linda Tellington-Jones, wie sie zu dieser speziellen Form der Körperarbeit gekommen ist:

„1983 brachte eine neue Wendung in meiner Arbeit mit Pferden. Ich befasste mich damals mit einer Vollblutstute, die es hasste, geputzt und gesattelt zu werden. Sie legte dann die Ohren an und schlug mit dem Schweif, manchmal auch mit dem Hinterbein. Ich begann damit, meine Hände mit winzigen, kaum sichtbaren Feldenkrais-Bewegungen über ihren Körper wandern zu lassen, und zur großen Überraschung von Wendy, ihrer Besitzerin, fing sie an, sich zu entspannen – sie ließ den Kopf sinken, ihre Augen wurden ganz sanft und sie stand ruhig still. […] Dazu müssen Sie wissen, dass ich nie zuvor an Kreise gedacht hatte und sie nichts mit der Feldenkrais-Methode zu tun hatten. […] Intuitiv erfasste ich, dass ich etwas Besonderes erlebte und dass ich diese kreisförmigen Berührungen näher erforschen musste.“ (S. 13)

Und das tat sie auch. Sie testete unterschiedliche Druckstärken, Geschwindigkeiten, Durchmesser und Richtungen und begann, gemeinsam mit ihrer Schwester, ihre Arbeit und die tiefgreifende Auswirkung auf Verhalten, Gesundheit und Leistung der Pferde zu dokumentieren. Auf diese Weise entstanden im Laufe der Zeit mehr als 30 TTouches, die in unterschiedliche Wirkungskreise eingeteilt wurden. Es gibt:

  • vertrauensbildende TTouches
  • bewusstseinsfördernde TTouches
  • TTouches für gesundheitliche Probleme
  • TTouches für die Leistungsfähigkeit
Durch das Abstreichen des Pferdekörpers können Verspannungen und Muskelverhärtungen erfühlt werden

TTouches: Wirkung auf Zellebene

Auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag: Beim TTouch handelt es sich nicht um eine Massage, bei der manuell und kreisförmig auf die Muskeln eingewirkt wird. TTouch wirkt vielmehr auf der Zellebene: Das Ziel ist die Aktivierung der Zellfunktion und das Aufwecken der Zellintelligenz. So wird der Körper zum Lernen und zur Selbstheilung angeregt, die negativen Erinnerungen der Zellen werden gelöscht und die Funktionalität wieder hergestellt.

Doch was heißt das?

Eine Hypothese geht davon aus, dass Körperzellen in der Lage sind, emotionale Erinnerungen wie beispielsweise Angst und Stress zu speichern. Die Zellen entwickeln ein Eigenleben, das zu körperlichen und psychischen Erkrankungen führen kann. Das Konzept dahinter wird als zelluläres Gedächtnis bezeichnet. Der wohl bekannteste Mechanismus des zellulären Gedächtnisses soll im Immunsystem liegen, das sich an Antigene erinnert, die es bereits erfolgreich bekämpft hat. So können Krankheitserreger schneller erkannt und effektiver bekämpft werden. (Hier liest du mehr dazu.)

Bisher wurde dieser Bereich aber noch nicht abschließend erforscht, sodass es sich nur um eine Hypothese handelt. Ich finde das Thema sehr spannend und möchte dir an dieser Stelle einen Artikel vom Nexus Magazin empfehlen, in dem es um Menschen geht, die nach Erhalt einer Organspende Verhaltensweisen und Vorlieben der Spender aufzeigten, weil diese in den Zellen des transplantierten Gewebe gespeichert waren.

Auch wenn es sich beim zellulären Gedächtnis um eine Hypothese handelt und es noch keine wissenschaftliche Methode gibt, um die Tellington-Touches zu erforschen, haben verschiedene Untersuchungen bereits gezeigt, dass sie eine positive Wirkung haben.

Wissenschaftlich bewiesen wurde indes die Wirkung der TTouches auf die Hirnstromwellen. Hirnstromwellen sind elektrische Impulse die entstehen, wenn das Gehirn eine Information bekommt, verarbeitet oder an die verschiedenen Körperteile, die Organe und die Zellen sendet. Das Hirn arbeitet dabei mit vier verschiedenen Hirnstromwellen:

  • Alphawellen (Hirnaktivität im Ruhestand)
  • Betawellen (geistige Aktivität)
  • Thetawellen (starke Müdigkeit, treten bei Erwachsenen sehr selten auf)
  • Deltawellen (Tiefschlaf/Hinweis auf Gehirnschädigung)

Mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) können Hirnstromwellen gemessen werden und man kann beispielsweise erkennen, ob jemand wach ist oder schläft und ob er entspannt ist oder gestresst. Der Forscher Maxwell Cade konnte außerdem herausfinden, dass die Hirnstromwellen ein gleichmäßiges Muster zeigen, wenn der Mensch seinen effektivsten geistigen Wachzustand, den „Awakened Mind State“ („Zustand des geistigen Wachseins“), erreicht hat.

Linda Tellington-Jones hat gemeinsam mit der Wissenschaftlerin Anna Wise vom Biofeed Institute in Boulder, Colorado, die Aktivität der Hirnstromwellen gemessen und dabei herausgefunden, dass die Gehirne von Mensch und Tier beim TTouch einen „Zustand des geistigen Wachseins“ erreichen. Dieses Hirnstromwellenmuster trat jedoch immer nur dann auf, wenn die Haut in einem Eineinviertelkreis mit maximal zwei Wiederholungen bewegt wurde.

In ihrem Buch erzählt Linda Tellington-Jones:

„An dem Trainingskurs […] nahm eine zweijährige Vollblutstute teil, die derartig explosiv und hysterisch war, dass der Besitzer beschlossen hatte, sie einschläfern zu lassen. Mein Kurs war die letzte Chance, sie vielleicht noch auf die Reihe zu bringen. […] Als wir mit den TTouches an ihrem Körper begannen, veränderten sich sofort die Muster auf dem Hirnstrom-Monitor. Hier hatten wir den Beweis dafür, dass der TTouch messbare Veränderungen im Gehirn bewirkte. Im Verlauf der nächsten Woche machte das Stütchen eine Kehrtwendung um 180 Grad und wurde handzahm, konzentriert und offensichtlich lernfähig.“ (S. 16)

Wenn ein Pferd gestresst ist oder Angst hat, kann es sich nicht ausreichend konzentrierten, nicht lernen und erst recht nicht kooperativ mitarbeiten. Pferde sind Fluchttiere und sobald sie negativen Stress oder Angst verspüren, ist ihr ganzer Körper auf Flucht gepolt. TTouch kann schwierigen Pferden also dabei helfen, Vertrauen auf- und Stress und Anspannung abzubauen.

TTouch Rückenheben
Beim Rückenheben hebt das Pferd seinen Bauch als Folge eines Reflexes an und wölbt dabei seinen Rücken auf

TTouches anwenden

TTouch ist am gesamten Pferdekörper anwendbar. Im Unterschied zu vielen anderen Formen der Körperarbeit ist ein kreisförmiger TTouch in sich geschlossen. Deswegen muss nicht immer der gesamte Körper mit einem TTouch gearbeitet werden, sondern es kann an Hals und Rumpf eine andere Variante genutzt werden als an den Beinen.

Um herauszufinden, welcher TTouch am besten passt, solltest du das Pferd vorab am ganzen Körper mit der flachen Hand abstreichen. Damit kannst du Verspannungen, Veränderungen im Muskeltonus, Schwellungen sowie warme und kalte Stellen finden. Außerdem kannst du deine Fingerspitzen nutzen und herausfinden, wie druckempfindlich dein Pferd ist und wo mögliche Schmerzpunkte sitzen. Achtung: Falls dir dein Pferd ganz klar Schmerzen anzeigt, solltest du nicht herumexperimentieren, sondern sofort einen Fachmann rufen. Reagiert dein Pferd beispielsweise im Widerrist-Bereich sehr empfindlich, kann dies ein Indiz dafür sein, dass der Sattel nicht passt und überprüft werden sollte. Auch der Besuch eines Osteopathen oder Chiropraktiker kann hilfreich sein.

Im Folgenden möchte ich dir zwei TTouches vorstellen, die ich im Rahmen des Kurses kennengelernt habe und seitdem gerne und regelmäßig im Alltag nutze: Wolken-Leopard und Rückenheben.

Wolken-Leopard-TTouch

Der Wolken-Leopard-TTouch ist ein Basis-TTouch und dient als Grundlage für die Aktivierung des körperlichen und geistigen Bewusstseins. Dadurch kann die Intelligenz (als Fähigkeit sich neuen Situationen anzupassen) erweitert, die Bereitwilligkeit und Lernfähigkeit verbessert, Vertrauen geschaffen, Ängste auf Zellebene gelöst und die Eigenwahrnehmung verbessert werden.

Der Wolken-Leopard-TTouch wird am Hals, Rücken, Rumpf und auf der Kruppe angewendet. Hierbei ist die Hand leicht gewölbt und die Haut wird nur mit den Fingerkuppen flüssig im Kreis verschoben. Damit die Hand mehr Stabilität erhält, sollten die Finger dabei geschlossen sein. Die zweite Hand sollte am Pferdekörper liegen um die Verbindung zu halten.

Der Wolken-Leopard-TTouch hilft dabei

  • Selbstbewusstsein und Vertrauen aufzubauen
  • die Verbindung zwischen Pferd und Mensch zu stärken
  • die Koordination und Geschmeidigkeit zu verbessern
  • Schreckhaftigkeit abzubauen

Rückenheben

Das Anheben des Rückens bringt das Pferd dazu, die Bauchmuskeln anzuspannen und den Rücken anzuheben. Hierzu werden je nach Pferd die flache Hand, die Fingerspitzen oder die Fingernägel neben der Bauchnaht des Pferdes kurz mit Druckstärke von zwei bis fünf in den Bauch gedrückt. Dadurch wird ein Reflex aktiviert und das Pferd hebt seinen Bauch an, wölbt seinen Rücken auf, senkt den Kopf und entspannt seinen Hals.

Vor und nach dem Reiten hilft Rückenheben dabei

  • den Pferdekopf zu senken
  • den Hals zu entspannen
  • steife und schmerzende Muskeln zu entspannen
  • die Hinterhand zum Untertreten zu animieren
  • Geschmeidigkeit und Biegsamkeit zu verbessern

TTouch lernen

Buchcover: Tellington Training für Pferde, Kosmos-Verlag
Buchcover: Tellington Training für Pferde, Kosmos-Verlag

Wissenschaft hin oder her – regelmäßig angewandt kann TTouch dabei helfen, dein Pferd besser kennen- und verstehen zu lernen. Deine Hände werden sensibilisiert auf den Körper deines Pferdes und du kannst Verspannungen und Steifheiten viel besser erspüren. Mit einem TTouch-Trainer und einem TTouch-Buch kannst du diese Form der Körperarbeit ganz leicht erlernen.

Mein Buchtipp für dich: Tellington-Training für Pferde: Das große Lehr- und Praxisbuch*, erschienen im Kosmos-Verlag. Das Buch ist quasi ein Gesamtwerk der Arbeit von Linda Tellington-Jones und gibt dir einen tollen Einblick in die Tellington-Methode, einem speziellen Ausbildungssystem für Pferde und Reiter, das neben den TTouches auch ausgewählte Bodenübungen und Lektionen unter dem Sattel umfasst. Die Tellington-Methode hilft dir dabei, die Lernfähigkeit und Kooperationsbereitschaft deines Pferdes zu verbessern, Gleichgewicht und Koordination zu steigern und die Bindung zwischen dir und deinem Pferd zu vertiefen.

Das Buch ist unterteilt in drei große Kapitel:

  • die Tellington-Methode für Pferde – hier wird das Basiswissen der Tellington-Methode erläutert
  • Verhalten, Training und Gesundheit – hier werden verschiedene Problemen wie Steigen oder Gurtzwang erläutert und Lösungsansätze auf Grundlage der Tellington-Methode geboten
  • Tellington-Training für Pferde – hier werden die im zweiten Kapitel angesprochenen Lösungsansätze, TTouch, Bodenarbeit und Reiten, anschaulich und gut nachvollziehbar erklärt

Eine umfassende Rezension zum Buch „Tellington Training für Pferde“ findest du bei Pferdespiegel.

Welche Erfahrung hast du mit TTouch für Pferde sammeln können? Erzähl mir doch in einem Kommentar davon!

Viele liebe Grüße

 

 

Fotos: © Ann-Christin Vogler / Ponyliebe-Pferdefotografie (Danke dafür 🙂 )

 

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5 thoughts on “TTouch für Pferde: Gespräche auf Zellebene”

  1. Liebe Karo, Linda Tellington-Jones war und ist und bleibt für mich eines DER Vorbilder und einer DER richtungweisenden Menschen in meinem Pferdealltag. Danke, dass du mir mit deinem Artikel auch mal wieder die Touches in Erinnerung gerufen hast. Die geraten einem im täglichen Umgang einfach immer wieder zu schnell aus den Augen (auf jeden Fall passiert mir das immer….)! Werde mir sofort mein Linda-Buch auf den Nachttisch legen und die nächsten Abende darin schmökern. Gruß, Christine

      1. Auf meinem Nachttisch liegen jetzt „TTouch und TTeam für Pferde“ aus dem Kosmos-Verlag (2002) und das Kinderreitbuch von Linda, in dem die Touches auch total schön beschrieben sind. Das Kinderreitbuch liebe ich eh und schmökere immer wieder drin: einfach herrlich die Kinder mit den Pferden unter Lindas Aufsicht zu sehen!

  2. Hallo Karo. Das ist ein interessantes Thema. Zu gerne hätte ich damals bei dem Kurs mitgemacht. Das wäre sicher etwas für mich gewesen.
    M. hat meiner Stute einmal sehr mit TTouch geholfen, als sie die sedierung nicht vertragen hat. Das war klasse.

    1. Ja, der Kurs war total interessant und ich konnte eine Menge mitnehmen. Ich glaube auch, dass es was für dich wäre. Wenn du magst, kann ich dir gerne mal das Buch „Tellington Training“ mitbringen, dann kannst du dich selbst ein wenig einlesen und ausprobieren. 🙂

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