Schiefes Pferd wird mit Bodenarbeit an der Longe geradegerichtet

Wie die Schiefe des Reitpferdes seine Psyche beeinflusst

Du musst dein Pferd geraderichten. Du musst die natürliche Schiefe deines Pferdes ausgleichen. Aussagen, die sicherlich jeder von uns mindestens schon einmal gehört hat. Warum das Geraderichten so wichtig ist und welchen psychologischen Effekt die Schiefe eines Reitpferdes hat, darum geht’s im heutigen Beitrag.

Was heißt es nochmal, wenn ein Pferd schief ist?

Diese Frage sollten wir vorab kurz klären.

Schief bedeutet, ganz einfach gesagt, dass dein Pferd nicht gerade und symmetrisch ist, sondern dass es eine hohle bzw. steife Seite hat.

Aus biomechanischer Sicht heißt das, dass die Muskeln, zum Beispiel der M.longissimus (der lange Rückenmuskel) sowie die Sehnen und Bänder auf einer Seite – nämlich auf der hohlen Seite – verkürzt sind. Dadurch wird das Becken deines Pferdes auf dieser Seite etwas nach vorne gezogen. Die Muskeln, Sehnen, Bänder und Faszien der anderen Seite sind dagegen leicht überdehnt.

Übertragen auf uns Menschen könnte man sagen: Dein Pferd ist entweder Links- oder Rechtshänder.

Du erkennst die Schiefe deines Pferdes beispielsweise daran, dass dein Pferd mit seinem Hinterhuf nicht in die Spur des Vorderhufes, sondern daran vorbei tritt. Von hinten sieht es aus, als würde dein Pferd ordentlich mit dem Hintern wackeln.

Und wenn du dein Pferd von oben betrachten würdest, dann könntest du sehen, dass sich Genick und Hüfte nicht auf einer Linie befinden, sondern dass die Wirbelsäule gebogen ist.

Außerdem gibt es die Theorie, dass die Mähne des Pferdes auf die hohle Seite kippt. Ich hab diese Aussage schon oft gehört, kann sie aber nicht bestätigen: Mein Pferd, dessen hohle Seite die linke Seite ist, trägt seine Mähne nämlich auf der rechten und damit auf der steifen Seite.

Wie du dein Auge in Bezug auf die Schiefe des Pferdes schulen kannst, erklärt dir Nordfalben.

Jedes Pferd ist grundsätzlich schief beziehungsweise es kommt schief auf die Welt. Warum das so ist, das konnte bis heute noch nicht endgültig wissenschaftlich geklärt werden. Es gibt aber verschiedene Theorien: Die einen sagen, es hängt damit zusammen, wie ein Fohlen im Bauch seiner Mutter liegt. Andere sagen, es sei abhängig davon, welche Schrittstellung das Fohlen beim Grasen einnimmt.

Die Schiefe korrigieren

Wenn du dein Pferd reiten möchtest – und das möglichst so, dass dein Pferd dabei gesund bleibt – dann ist es wichtig, dass du die Schiefe korrigierst, indem du dein Pferd gymnastizierst und es geraderichtest. Denn nur dann kann dein Pferd dich tragen. Ist dein Pferd schief, dann können die Hinterbeine nicht korrekt unter den Schwerpunkt treten, der Rücken kann nicht aufwölben und die Tragkraft geht verloren. Dein Pferd läuft verstärkt auf der Vorhand.

Außerdem ist ein schiefes Pferd nicht im Gleichgewicht. Das merkst du zum Beispiel, wenn du auf einem Zirkel reitest oder longierst: Dein Pferd fällt auf die innere oder die äußere Schulter.

Der Einfluss der Schiefe auf die Psyche des Reitpferdes

Wenn dein Reitpferd schief und nicht ausbalanciert ist, dann beeinflusst das aber nicht nur seine Tragfähigkeit, sondern auch seine Psyche.

Warum?

Weil ein Pferd ein Fluchttier ist.

Wenn du auf deinem Pferd sitzt, dann bringst du dein Pferd grundsätzlich mit deinem Gewicht und deiner Größe aus seinem Gleichgewicht. Damit beeinträchtigst du aber nicht nur seine körperliche Balance, sondern auch sein psychisches Wohlbefinden.

Wenn ein Pferd in der Balance ist, fühlt es sich sicher. So wie wir Menschen.

Nun stell dir aber vor, dass du einen schweren Rucksack auf deinem Rücken trägst. Dieser beeinträchtigt deine Balance und damit dein ganz gewiss Wohlbefinden. So geht es deinem Pferd auch.

Denn: Ein Pferd, das nicht im Gleichgewicht ist, ist nicht fluchtfähig. Und das bedeutet Stress!

Wenn dein Pferd schief ist aber kein Reitergewicht trägt, dann stört die Schiefe nicht. Dann ist seine individuelle Balance hergestellt.  Wenn du aber oben drauf sitzt, dann sieht das anders aus.

Wenn dein Pferd schief ist und das Gewicht nicht mehr gleichmäßig auf seine vier Beine verteilen kann, dann kann es beispielsweise keinen klaren Takt laufen. Für das Fluchttier Pferd bedeutet diese Situation negativen Stress. Es hat Angt, nicht fliehen zu können, verspannt sich und ist ständig in Habachtstellung. Dann reicht schon ein leise knackender Ast und dein Pferd gerät in Panik.

Viele Pferde reagieren deswegen auf fehlende Balance unter dem Reiter hektisch. Sie versuchen ihr Gleichgewicht wiederherzustellen, indem sie ihm hinterherlaufen und zu rennen beginnen. Denn, so lehrt es uns die Physik, die Geschwindigkeit sorgt für Stabilität: Wenn wir schnell mit unserem Fahrrad fahren, dann sind wir stabiler, als wenn wir versuchen langsam zu fahren.

Dann gibt es schiefe Pferde, die sehr langsam sind und als faul gelten. Dies liegt daran, dass sie befürchten ihr Gleichgewicht zu verlieren, wenn sie ihre Beine vom Boden heben. Auch hier dominiert der negative Stress, denn ein Fluchttier, das nicht weglaufen kann, hat verloren.

Zubehör für die Bodenarbeit mit dem Pferd

Wenn du reiten willst, musst du dein Pferd geraderichten

Du siehst also wie wichtig es ist, dass wir stets an der Schiefe unseres Pferdes arbeiten und diese korrigieren – zumindest dann, wenn wir unser Pferd reiten wollen.

So sagte Gustav Steinbrecht:

„Die Dressur [hat] den Zweck, durch systematisch geordnete gymnastische Übungen die Muskeln des Pferdes zu befähigen, dem Knochengerüst die für den Reitdienst erforderlichen Richtungen zu geben“.

Wenn du dein Pferd geraderichten möchtest, dann musst du es gymnastizieren. Da führt kein Weg dran vorbei. Du musst die verkürzten Muskeln der hohlen Seite dehnen. Es ist allerdings sehr wichtig, dass du dies langsam angehst. Denn auch wenn du primär die Muskulatur aufbauen möchtest, darfst du auf keinen Fall die Bänder, Faszien und Sehnen deines Pferdes aus dem Blick verlieren, die sich der konkaven Körperform angepasst haben.

Tolle Übungen zum Geraderichten deines Pferdes sind Seitengänge, beispielsweise das Schulterherein und das Kruppeherein. Vielleicht wirfst du einfach mal einen Blick auf meinen Beitrag Seitengänge reiten – Tipp für mehr Abwechslung im TrainingAußerdem sind viele Handwechsel gut, weil dein Pferd so seine beiden Seiten abwechselnd dehnen und seine vier Beine gleichermaßen belasten kann.

Auch mit Bodenarbeit kannst du viel erreichen. Hierbei hast du die Möglichkeit an der Schiefe deines Pferdes zu arbeiten ohne es zusätzlich noch mit deinem Reitergewicht zu belasten.

Jede Menge Trainingsideen findest du in dem Buch Anatomie, Gymnastizierung, Muskelaufbau* von Gillian Higgins (wenn du auf das Bild klickst, erhälst du weitere Infos).

Und auch mit Zirzensik kannst du dein Pferd gut gymnastizieren, wie Eva Wiemers in ihrem Buch Zirzensische Lektionen* erklärt.

Welche Erfahrung hast du mit der Schiefe und dem Geraderichten deines Pferdes gemacht? Welche Übungen kannst du empfehlen? Ich freu mich auf dein Feedback!

Bis bald,

Karo von Pferdefreunde

 

Zum Weiterlesen:

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2 thoughts on “Wie die Schiefe des Reitpferdes seine Psyche beeinflusst”

    1. Liebe Ilka,

      von Equikinetic schwärmen ganz viele Reiter.
      Die Quadratvolte wird bei uns auch genutzt, ich nehme allerdings keinen Timer. Aber vielleicht werde ich damit auch mal beginnen… 🙂

      Viele Grüße
      Karo

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