Yoga für Reiter auf einer Wiese mit blauem Himmel

Yoga für Reiter

Ganz gleich, wohin man schaut: Immer wieder wird Yoga als Ausgleichssport zum Reiten empfohlen. Durch meinen Beitrag Darum ist Ausgleichssport zum Reiten so wichtig bin ich in Kontakt mit Katja Kellner gekommen. Sie hat sich auf das Thema Yoga für Reiter spezialisiert und weiß genau, warum Ausgleichssport im Allgemeinen und Yoga im Speziellen für alle Reiter, egal ob reiner Freizeitreiter oder Turniersportler, wichtig ist. Ich habe Katja gleich mit ein paar Fragen gelöchert.

Vor dem Interview mit Katja möchte ich kurz erklären, was Yoga eigentlich ist. Wenn du bisher noch sehr Yoga-unerfahren bist, kannst du dir ein besseres Bild machen und verstehen, warum Yoga für Reiter so toll ist. Denn klar, eine Grundvorstellung haben wir alle. Doch für viele ist Yoga einfach irgend so ein esoterischer Quatsch und hat mit Sport nur sehr wenig zu tun.

Yoga: Von wegen esoterischer Quatsch

Doch das ist nicht so. Denn wenn es so wäre, dann gäbe es Yoga schon lange nicht mehr. Die Wurzeln des Yoga, die in Indien liegen, reichen zurück bis nach etwa 700 v. Chr. In den älteren Upanishaden (das ist eine Sammlung philosophischer Schriften, die die Grundlage des Hinduismus bilden) werden Atemübungen und das Zurückziehen der Sinne und in den mittleren Upanishaden, die um 400 v. Chr. entstanden, wird der Begriff Yoga bereits ganz konkret genannt.

Mit Yoga zu innerer Gelassenheit

Yoga ist eine philosophische Lehre, die geistige und körperliche Übungen umfasst. Das Ziel von Yoga – wenn man denn überhaupt von einem Ziel sprechen kann – ist die Vereinigung von Körper und Seele. Oder anders gesagt: Mit Yoga werden Körper und Geist in Einklang gebracht. So kann mehr innere Gelassenheit erreicht werden – ein wichtiger Punkt, warum Yoga für Reiter so super ist.

Im Laufe der Jahrtausende haben sich verschiedene Yoga-Traditionen entwickelt, die ihre Schwerpunkte anders setzen. Die Yoga-Tradition, die hier bei uns im Westen weit verbreitet ist, ist vor allem Hatha Yoga. Hier stehen vor allem die körperlichen Übungen, die so genannten Asanas, im Mittelpunkt. Diese Form von Yoga hat nicht viel mit dem traditionellen indischen Yoga gemein, wo der Schwerpunkt mehr bei den geistigen Übungen und der hinduistischen Spiritualität liegt.

Wenn ich von Yoga spreche, dann beziehe ich mich weniger auf die Spiritualität, als vielmehr auf den körperlichen Aspekt.

Yoga trainiert Kraft, Flexibilität und Gleichgewicht, es verbessert die Beweglichkeit und hilft gleichzeitig dabei, Stress abzubauen und zu mehr innerer Gelassenheit zu finden. Deswegen gehören zu einer Yoga-Einheit nicht nur anstrengende Übungen, sondern auch Atemübungen und Tiefenentspannung. Studien haben außerdem belegt, dass Yoga den Stresshormonspiegel deutlich sinken lässt.

Interview: Darum ist Yoga für Reiter so toll

Warum all diese positiven Aspekte des Yoga uns Reitern helfen noch besser und feiner mit unseren Pferden zu werden, das erzählt dir jetzt Katja im Interview.

Hallo Katja, dein Buch heißt Zwischen Losgelassenheit und Spannkraft – Besser reiten mit Yoga. Warum glaubst du, dass wir mithilfe von Yoga besser reiten können?

Katja: Mit Yoga haben wir Werkzeuge in der Hand, uns selber besser kennen zu lernen und bewusster mit uns selber umzugehen. Es ist ganz logisch, dass wir dann auch mit dem Pferd bewusster umgehen, sensibler kommunizieren, klarer in der Hilfengebung sind. Beim Reiten „sprechen“ wir über unseren Körper mit dem Tier – da hapert es oft, wenn unser eigenes Körpergefühl schlecht ist, und wir die reiterlichen Hilfen eher grobmotorisch einsetzen. Es ist ungemein hilfreich, sich selber besser zu spüren, dann kann sich die Fähigkeit entwickeln, beim Reiten zu größerer Feinheit, ja zu Leichtigkeit zu kommen.

Welche positive Wirkung hat Yoga insgesamt auf uns?

Mit Yoga kann man sowohl Fitness, als auch Beweglichkeit und Entspannung trainieren. Auf der körperlichen Ebene wirken die Übungen nicht nur auf die Bewegungsmuskulatur, sondern auch sehr in die Tiefe: Die kleinen, direkt am Skelett ansetzenden Stützmuskeln, sämtliche Gefäße wie Blutgefäße, Lymphe und so weiter und das ganze Fasziensystem werden erreicht. Auch das Nervensystem (Sympathikus/Parasympatikus) wird ins Gleichgewicht gebracht. Atemübungen können Müdigkeit vertreiben oder Aufregungen dämpfen und mental kommen wir zu größerer Ausgeglichenheit, wir sind mehr „bei uns“.

Wie können unsere Pferde davon profitieren, dass wir Yoga machen?

Wenn ich gut für mich selber sorge, dann gehe ich zum Pferd und bin in der Lage, wirklich präsent und ganz bei der Sache zu sein. Ich erwarte nicht, dass das Pferd irgendeinen Mangel, den ich habe, ausgleicht – obwohl das trotzdem oft genug geschieht! Aber das ist dann ein Extra, ein „Geschenk“, das ich weder erwarten noch einfordern kann.

Ich möchte in der Lage sein, mein Pferd in seiner aktuellen Verfassung zu spüren, und dann kann ich sehen, was wir heute zusammen machen. Natürlich profitieren alle Pferde davon sehr, wenn Reiter frei von Ballast an sie herantreten. Am besten streifen wir beim Wechsel der Schuhe unseren ganzen Alltagsstress ab, und sind dann „ganz entspannt im Hier und Jetzt“. Das kann man tatsächlich so lernen und anwenden.

Auch in der zielorientierten Sportreiterei ist es hilfreich an den Start zu gehen mit dem Willen, das Beste zu geben – unabhängig vom Gewinnen oder Verlieren. Pferd und Reiter sind Partner – beim harmonischen Zusammenspiel kann ständige Entwicklung, Verbesserung und Verfeinerung stattfinden. Auf Yoga&Reiten-Seminaren ist es oft sehr berührend, zu sehen, wie die Pferde sich schon fast „bedanken“, dass ihre Reiter kurz vor dem Reiten Yoga geübt haben nach dem Motto „oh, du bist so viel weicher, geschmeidiger, leichter heute!“ Sie arbeiten dann freudiger und besser mit.

Ist Yoga für jeden Reiter geeignet?

Ja. Yoga ist unglaublich vielseitig und anpassungsfähig. Damit können alle individuellen Bedürfnisse erfüllt werden.

Welche Übungen sind besonders effektiv – und warum?

Neben der Atemarbeit finde ich, dass Beindehnungen besonders wichtig sind – das sind sehr lange Muskelketten, die sich alle unmittelbar auf den Rücken auswirken. Geschmeidige, langfaserige Beinmuskeln sind die Grundbedingung für einen losgelassenen, tiefen Sitz im Sattel. Beindehnungen sind das kleine 1×1!

Dann ist die Bewegungsfreiheit der Hüftgelenke wichtig, da darf nichts klemmen, denn sonst kann das Becken sich nicht an die Pferdebewegung anpassen. Für verbesserte Abduktion und Außenrotation in den Hüftgelenken gibt es etliche sehr gute Yogaübungen, die sowohl dynamisch, als auch statisch praktiziert werden können.

Balancehaltungen verbessern das allgemeine Gleichgewicht und Übungen für den Schultergürtel führen zu einer feineren Hand-Zügel Verbindung.

Manchmal muss auch an der Kopfhaltung gearbeitet werden, wenn der Kopf zum Beispiel beim Aussitzen im Trab „schlackert“, müssen wir stabilisieren. Ist der Kopf zwischen den Schultern eingeklemmt, darf er rauswachsen, hängt er, kann man lernen, wie er sich trägt in Haltung und Bewegung. Die Prinzipien der Aufrichtung sind für Pferd und Mensch die gleichen: Kopf hoch mit langem Nacken, das Kreuzbein nach hinten unten! Nicht zu vergessen die Drehungen: Sie sind für unsere Wirbelsäule von geradezu therapeutischer Wirkung und für das Reiten absolut notwendig, beispielsweise um das Pferd in eine Biegung zu lenken.

Wie oft die Woche sollten wir Yoga machen und wie lange dauert es, bis wir Erfolge sehen?

Gut wäre es, dreimal die Woche ein Minimum zu praktizieren – und das mal konsequent für ein halbes Jahr. Die Veränderung, die Entwicklung braucht Zeit. Erst nach diesem Zeitraum ist man in der Lage, die Wirkungen tatsächlich für sich selber zu beurteilen.

Magst du vielleicht von konkreten Gegebenheiten erzählen, wo durch Yoga reiterliche Erfolge erzielt wurden?

Eine ängstliche Reiterin zeigte im Sattel die typischen Angstmuster: hochgezogene Beine und Schultern, Bauch eher eingezogen, Rücken gekrümmt, Nacken verspannt… Das konnte im Verlauf eines Wochenendes sehr schnell alles aufgelöst werden. Und siehe da: Ihr Atem konnte freier fließen, das Pony entspannte sich auch und lief ganz locker und die Frau erkannte, dass sie gar nicht so viel Angst zu haben brauchte.

Eine andere Reiterin, professionell im Training von Warmblutpferden tätig, bekam häufig Rückenschmerzen vom Reiten. Videoaufnahmen zeigten, dass ihre Bauchmuskeln zu wenig aktiv waren. Deswegen ist sie sich selber ständig ins Gebälk, sprich in die überstreckte Lendenwirbelsäule, gekracht. Übungen zur Bewusstwerdung der dreidimensionalen Beckenbewegungen und zur Kräftigung der Bauchmuskulatur halfen, ihren Rücken zu stabilisieren und so zu schmerzfreiem Reiten zu kommen.

Gibt es ein paar Übungen, die wir direkt vor dem Reiten mit Reithose und Stiefeln machen können?

Ja! Es gibt eine ganze Reihe von Asanas (Yogahaltungen) im Stand, die kann man gut ohne Yogamatte und in jeglicher Alltagskleidung, also auch in Reithose und Stiefeln neben dem geputzten und gesattelten Pferd praktizieren. Das Schöne bei diesen Positionen ist, dass sie ganzkörperlich wirken, von den Füßen bis zum Scheitel, dehnend, kräftigend, die Balance fördernd, dem Rücken wohltuend, die Schultern entspannend, den Atem befreiend und last but not least, mental zentrierend.

Bodenarbeit für den Menschen als Vorbereitung für das Reiten!

Vielen lieben Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten!

Leider ist Katjas Buch zurzeit vergriffen. Du kannst es aber als eBook bei Amazon erwerben: Zwischen Losgelassenheit und Spannkraft: Besser Reiten mit Yoga (Cadmos Pferdwelt)*

Wenn du dich für Katjas Arbeit und die Bedeutung von Yoga für Reiter interessierst, dann schau doch einfach auf ihrer Webseite vorbei.

Ich selbst mache auch immer mal wieder Yoga – leider aber (noch) nicht so regelmäßig, wie ich es gerne machen würde. Ich habe es mir aber ganz fest vorgenommen. Deswegen kann ich dir leider (noch) nichts von den positiven Auswirkungen, die Yoga für Reiter mitbringt, berichten.

Die beiden Pferdebloggerinnen Christina von Herzenspferd und Sophie von Chevalie haben Yoga ebenfalls für sich entdeckt und bereits darüber geschrieben. Im Gegensatz zu mir machen die beiden bereits regelmäßig Yoga – und das schon seit längerer Zeit. Und sie bestätigen das, was Katja sagt.

„Gute Reiter sind körperlich fit und flexibel. Sie besitzen innere Ruhe und die Fähigkeit, geistig ‚im Moment‘ und beim Pferd zu sein. All das trainiert man perfekt mit Yoga. Seit ich regelmäßig Yoga mache merke ich, dass körperliche Dysbalancen verringert werden, dass ich meinen Körper auf dem Pferd besser koordinieren kann und ich geduldiger und entspannter mit dem Pferd umgehe. Besonders diesen mentalen Aspekt kann mir sonst kaum ein anderer Zusatzsport bieten und macht Yoga für mich so wertvoll“, hat mir Christina verraten.

Christinas 10 Gründe, warum Yoga für Reiter so wichtig ist, liest du hier.

Etwas ähnliches sagt auch Sophie: „Seit ich (mehr oder weniger regelmäßig) Yoga mache, hat sich meine Präsenz den Pferden gegenüber verändert. Ich bin mir über meinen Körper und die Signale, die ich aussende besser im Klaren und habe daher mehr Kontrolle darüber. Davon profitiere ich auch beim Reiten und ein unabhängiger Sitz ist mit einer guten Balance auch viel einfacher.“

Hier findest du Sophies 10 Gründe, warum Yoga der perfekte Sport für Reiter ist.

Noch ein Tipp: Wenn du Lust auf Yoga hast, dich aber die Kosten für einen Kurs abschrecken, dann erkundige dich doch einfach mal bei deiner Krankenkasse, ob diese nicht eventuell die Kosten übernimmt oder zumindest bezuschusst. Das gehört bei vielen Krankenkassen mittlerweile zum Angebot.

Jetzt bist du dran: Erzähl mir hier in einem Kommentar, per E-Mail oder auf Facebook, welche (positiven oder negativen) Erfahrungen du mit Yoga gemacht hast. Konntest du zum Beispiel eine positive Veränderung deines Reitersitzes feststellen?

Ich freue mich auf dein Feedback!

Bis bald,

Karo von Pferdefreunde



 

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3 thoughts on “Yoga für Reiter”

  1. Sehr sehr schönes Interview, ich kann mich nur anschließen. Die Verbindung von Yoga & Reiten habe ich bisher immer als bereichernd erlebt; körperliche Veränderungen brauchen manchmal etwas Zeit, aber es gibt doch auch ein paar Atem- und Kopftricks, die man recht schnell einsetzen kann.

    Wenn jemand in Berlin/Brandenburg Interesse an dieser Kombi hat, meldet euch gern… wir machen regelmäßige „Yoga/Pilates Kurse für Reiter“.

    1. Hallo Kat,

      ich habe großes Interesse an einem Kurs Yoga für Reiter. Zum einen für mein eigenes Wohl und natürlich auch das meines Pferdes. Wann und wo finden diese Kurse statt. Ich freue mich auf mehr Informationen. Allerdings bin ich blutiger Anfänger in Sachen Yoga.

      lieben lieben Dank im Voraus

  2. Ein tolles Interview, das herausstellt, wie wichtig es ist, gut für sich zu sorgen. Wenn wir entspannt und gelassen sind, kommt das nicht nur uns selbst zugute, sondern auch unserem Pferd. Denn das Pferd ist nicht dafür da, dass es uns gut geht. Dafür sind wir selbst zuständig.

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